Interview mit einem Wobblie

moleAus “mole” – umsGanze!-Magazin
Interview mit einem Vertreter der IWW (Industrial Workers of the World).

Im Interview: Herbert Thomsen (Bremen, 59 Jahre, gelernter Schiffbauer. Seit 1995 Beratung zu Sozialhilfe und HartzIV. Mitglied der IWW seit 2011.)

Wie arbeitet der IWW heute und was ist deine Praxis darin?

Die IWW im deutschsprachigen Raum arbeitet gegenwärtig noch am Aufbau handlungsfähiger Strukturen. Wir haben damit 2006 begonnen. Zahlreiche Wobblies (das ist die umgangssprachliche Bezeichnung für die in der IWW Organisierten) sind innerhalb ihrer Betriebe in Zusammenhängen aktiv, die sich neben den offiziellen Betriebsrats,- bzw den DGB Gewerkschaftsstruturen gebildet haben.
Ich selbst arbeite in Bremen in einem selbstorganisierten Erwerbslosenprojekt mit zwei Beratungsstellen. Hieraus resultiert auch, dass der momentane Schwerpunkt der Bremer Wobblies das Thema „Leiharbeit“ ist. Zum einen beschäftigen wir uns mit diesem Thema analytisch, was sich im Wesentlichen in der Kritik der devoten Haltung der DGB Gewerkschaften gegenüber den Unternehmen bei den Leiharbeitstarifen ausdrückt und zum anderen versuchen wir mit wechselndem Erfolg Leiharbeitende zu organisieren bzw. ihnen in der betrieblichen Auseinandersetzung Hilfestellungen zu geben. Die Hilfestellung orientiert vor allem auf den Aufbau widerständiger Strukturen in den Betrieben, umfasst aber auch im Einzelfall die Durchsetzung von Lohnansprüchen per Arbeitsgericht, in dem wir z. B. Schreibhilfe für Klagen erbringen.

In den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts waren die Industrial Workers of the World ein global agierendes Netzwerk mit proletarischer Massenbasis, die in ihren Kämpfen dem Kapital etwas abtrotzen konnte. Wieso ist das nicht mehr so? Wieso sind linksradikale Gewerkschaften offenbar so unattraktiv?

Dies zu beantworten ist sicherlich nicht einfach, da es zum Zerschmelzen der IWW, aber auch anderer Zusammenschlüsse etwa der IAA, unterschiedliche Erklärungsansätze gibt. Dieser Abschmelzprozess war m.E. zum einen der politischen „Großwetterlage“ geschuldet. Mit dem Entstehen der Sowjetunion und der Herausbildung der III. Internationale spitzte sich die Auseinandersetzung zwischen der autoritär kommunistischen Strömung Moskauwiter Prägung und den westlichen, hochentwickelten Industriestaaten zu. In Folge orientierten sich auch die Auseinandersetzungen in der sozialistischen ArbeiterInnenbewegung entlang dieser Pole. Die IWW in den USA wurde einseits Opfer der staatlichen Repression und andererseits zu einem wesentlichen Teil von der sich herausbildenden KP der USA ausgesaugt. Dieser Prozess des „Zerrieben werden“ betraf dabei weltweit nicht nur die unionistischen bzw. syndikalistischen Gewerkschaften, sondern alle rätekommunistischen bzw. libertärkommunistischen Organisationen. In Deutschland lässt sich dieser Prozess in den zwanziger Jahren an Hand dieser ganzen Strömung nachzeichnen. Die rätekommunistische, von Lenin als linkssektiererische „Kinderkrankheit“ polemisch denunzierte Strömung innerhalb der ArbeiterInnenbewegung ist von ihrem organisatorischen Höhepunkt an zu Beginn der zwanziger Jahre bis zu ihrem Ende in den 70er Jahren vollkommen marginalisiert worden.
Zum anderen zeichnete sie sich im Laufe der Zeit durch eine immer weitergehende inhaltliche dogmatische Erstarrung aus und war so nicht mehr in der Lage überhaupt noch neue, passende Antworten und Konzepte für die sich jeweils verändernden gesellschaftlichen Umstände zu erarbeiten. Hierzu zählt zum Beispiel das Festhalten an der strikten Ablehnung jeglicher Kandidaturen zu Betriebsräten, was die Mobilisierungsmöglichkeiten dieser Strömung enorm eingeengt hat.
Ob linksradikale Gewerkschaften in der heutigen Zeit grundsätzlich „unattraktiv“ sind, möchte ich bezweifeln. Dies mag für Nordeuropa im Moment noch zutreffend sein. In anderen Teilen der Welt erleben wir aber gerade einen enormen Aufschwung linker Basisgewerkschaften und syndikalistischer Organisationsansätze.
Die Ursache liegt vor allem in der global dominanten Verbreitung des Modells der Kooperation der traditionellen Gewerkschaften mit ihrem jeweiligen nationalen Kapital zu Gunsten des eigenen Standortes in der Weltmarktkonkurrenz. Dies hat diese Gewerkschaften, ob sozialdemokratisch oder postkommunistisch in einen offensichtlichen Gegensatz selbst zu den grundsätzlichsten Interessen (Lohn und Arbeitsbedingungen) ihrer Mitglieder gebracht. Von Argentinien bis Ägypten, von Bangladesh bis Südafrika, überall findet aktuell ein enormer Organisierungsprozess statt. Dieser ist oftmals noch nicht darauf angelegt, explizit antikapitalistische Gewerkschaften zu bilden, weist jedoch in diese Richtung. Viele der „neuen“ Gewerkschaften lösen sich zunächst von der staatlichen Kooperation und setzen auf direkte Aktionen, Streiks, Generalstreiks, Betriebsbesetzungen und die Bildung von Kooperativen.
Auch in einigen Staaten Südeuropas ist dieser Prozess schon weiter fortgeschritten. Die großen Generalstreiks und landesweite Kampagnen wurden von diesen Gewerkschaften mindestens angestoßen und zu einem großen Teil auch organisiert. Dabei ist die Struktur nicht die der Herausbildung einer einheitlichen Großorganisation, sondern die der Bildung von Netzen, die zum Teil betriebliche Basisgewerkschaften, regionale oder Branchengewerkschaften umfassen. In diesen Netzen finden sich auch die syndikalistischen Gewerkschaften wieder.
Ein sichtbares Beispiel für diese Entwicklung sind die USA. Hier hat sich die IWW in den letzten 15 Jahren von wenigen hundert auf zehntausende Mitglieder verbreitert.
Im März fand in Paris ein erster Versuch in Form einer gemeinsamen Konferenz dieser Basisgewerkschaften statt, sich weltweit zu vernetzen.
Dieser Prozess wird um die DGB Einheitsgewerkschaften keinen Bogen machen. Noch ist der Ablösungsprozess vieler AktivistInnen in den Betrieben in den Anfängen. Die von Traditionslinken fetischhaft vorgetragene Verteidigung der DGB Einheitsgewerkschaften führt zu Unterwerfung und zur objektiven Verteidigung von jedem Dreck, der aus den Gewerkschaftshäusern kommt. Diese Traditionsdenkrichtung ist im betrieblichen Bereich z. Z. noch hegemonial. Die Radikale Linke ist (leider) noch in betrieblichen und anderen sozialen Auseinandersetzungen kaum präsent.


Heutzutage sind fast alle Lebensbereiche dem Zweck Kapitalakkumulation unterworfen. Sind wir nicht auf Arbeit, konsumieren wir, optimieren wir uns für die Verwertung. Müsste eine radikale Strategie im postfordistischen Kapitalismus nicht auf Produktion und Reproduktion gehen, müsste sie nicht auf beiden Ebenen für die selbstbestimmte Organisation der Bedürfnisse kämpfen? Ist die Beschränkung auf den Kampf in der Produktion -wie sie Gewerkschaften betreiben- im Zusammenhang einer Massenkonsumgesellschaft nicht anachronistisch geworden?

Wir müssen zunächst einmal feststellen, ohne die Produktion von Gütern und Dienstleistungen geht es nicht. Auch im Kommunismus ergibt sich die Notwendigkeit der Arbeit. Aber wir können nicht erst mit der Öffnung der Tür zum Kommunismus beginnen, die Sinnhaftigkeit dieser oder jener Produktion und der Weise ihrer Herstellung zu diskutieren. Deshalb kann nicht, wie in der heutigen Praxis der DGB-Gewerkschaften, Arbeit um jeden Preis das Ziel sein. Die selbst bürgerlichen Moral-Fans aufstoßende Befürwortung von Rüstungsproduktion (z.B. Leopard Panzer nach Katar, Saudi-Arabien und Indonesien) etwa durch die IG Metall, allein um den Erhalt von Jobs, ist nur die Spitze des großen Eisbergs der Unterwerfung des gewerkschaftlichen Handelns unter die Bedingungen der Kapitalverwertung. Allein es bleibt das Problem: Außer dem Verkauf unserer Arbeitskraft bleibt uns (meist) nur das sanktionsbewerte Hartz IV.
Antikapitalistische gewerkschaftliche Arbeit muss deswegen auch immer den Widersinn des gesellschaftlichen Verhältnisses von Kapital und Arbeit, die Ausbeutung durch Lohnarbeit, hier und jetzt ganz grundsätzlich in Frage stellen. Auch wenn dies vielleicht keine Steilvorlage für die Kandidatur zur nächsten Betriebsratswahl ist.
Der ausschließliche Rückzug auf die Reproduktion ist gleichbedeutend mit dem Verzicht auf den Anspruch die Produktion irgendwann selbst zu bestimmen.
Zum Zweiten ist festzustellen, dass noch Millionen Menschen, zumeist in Folge des Hartz IV Regimes, genötigt sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen und dennoch, als Folge der geringen Bezahlung, keinen Zugang zu den lebensnotwendigen Grundversorgungsgütern haben. Der Produktionsprozess ist so gestaltet, dass er die Abnutzung der Arbeitskraft mit einbezieht. Jeder Zweite erleidet in Folge der kapitalistisch organisierten Arbeitsbedingungen schwere Schäden an Körper und Psyche. Diese Auseinandersetzung kann nur im Betrieb selbst geführt werden. Als Anspruch auf ein besseres Leben und mit dem Ziel der Gewinnung von Organisierungs- und Kampferfahrungen. Dagegen ist es ziemlich unsinnig, gewerkschaftliche Organisierung und Praxis mit dem Zweck der Steigerung des Massenkonsums zu betreiben.
Die grundsätzliche Kritik des Kapitalismus und der Kampf gegen seine konkrete Ausgestaltung, gegen die Arbeitsbedingungen und Lohnhöhen, gehören zusammen.

Um als Gewerkschaft dem Anspruch des Prädikats „revolutionär“ gerecht zu werden, bräuchte man eine Massenbasis um dem Kapital gefährlich zu werden. Diese hat momentan keine linksradikale Gewerkschaft. Wieso erscheint dir der Ansatz auch ohne diese Massenbasis sinnvoll und wie revolutionär kann eine Gewerkschaft überhaupt sein?

Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, Gewerkschaften müssten zuerst Millionen von Menschen organisieren und volle Streikkassen haben, um dann wirkungsvoll agieren zu können. Die DGB-Gewerkschaften sind der lebende Beweis dafür. Sie haben in Europa einen der höchsten Organisationsgrade und prall gefüllte Streikkassen. Und sie sind gleichzeitig die standortfreundlichsten Gewerkschaften mit einer der geringsten Anzahl an Streiktagen weltweit.
Das Prädikat „revolutionär“ ist nicht gebunden an Größe und Organisationsgrad sondern ausschließlich ein inhaltliches Kriterium. Beim gewerkschaftlichen Kampf müssen wir uns m. E. auch von den Vorstellungen eines mehrwöchigen Flächenstreiks mit Streikunterstützung aus der Gewerkschaftskasse lösen. Wenn wir uns auf diese Kampfform einengen, sind wir alternativlos zum DGB oder anderen anerkannten Massengewerkschaften.
Die Kampfformen werden bestimmt durch die konkreten Möglichkeiten in einem Betrieb bzw. in einer Branche. Dies kann von Überstundenverweigerung, Dienst nach Vorschrift, verlängerten Betriebsversammlungen bis zu Demonstrationen vor Niederlassungen führen. Ein Blick nach Schweden auf die SAC zeigt eine Vielzahl solcher Möglichkeiten auf. Diese kleine unionistische Gewerkschaft führt mehr Streikkämpfe als die sozialdemokratische Einheitsgewerkschaft LO und meistens ist sie auch erfolgreicher. Das Mittel des langen Flächenstreiks mit Streikunterstützung hat sie dagegen noch nie gehabt.
Diese unkonventionellen Kampfformen sind auch die wesentliche Form der syndikalistischen und unionistischen Gewerkschaften: Selber machen! Kampfinhalte und Kampfformen sollen von den Menschen im Betrieb bestimmt werden und nicht von zentralen Apparaten oder Tarifkommissionen. Dies ist ein wesentliches Element der potentiell revolutionären Befähigung zur Durchsetzung der eigenen Interessen gegen den Boss. Eine ArbeiterInnenklasse, die dies im „eigenen“ Betrieb nicht lernt und aneignet, wird kaum die Fähigkeit erlangen, den ganzen Laden irgendwann aus den Angeln zu heben.
Meine Kinder haben nicht Schlittschulaufen gelernt, weil wir uns entsprechende Videos angeschaut und auf dem Küchentisch die Theorie des Schlittschulaufens aus Büchern erlesen haben. Wir sind aufs Eis gegangen, haben immer wieder geübt und sind dabei oft auf die Nase gefallen. Nach vielen Versuchen und mehreren Wintern hat es dann geklappt.
Wer nicht lernt seinen Boss zu besiegen, durch das Üben des Organisierens und kollektiven Handelns und dabei auch mal verliert, der wird vor der Aufgabe, Unternehmen und Staat platt zu machen, Kapital und Lohnarbeit abzuschaffen, vor Angst erstarren oder kläglich scheitern.
Klassenkampf will gelernt sein: Eine basisdemokratische Gewerkschaft mit dem Anspruch alles selber zu machen, verbunden mit dem Ziel der Abschaffung der Lohnarbeit, ist revolutionär.
Auf einer Veranstaltung mit einem griechischen Genossen in Bremen antwortete dieser auf die Frage nach der Rolle der beiden dortigen, großen Gewerkschaften: „Sie sind schon tot, aber sie wissen es noch nicht.“
Auch der DGB wird irgendwann zur Seite geschoben und als gelbe Gewerkschaft enden. Es ist nur eine Frage der Zeit. Dann werden sich auch hier neue Formen der gewerkschaftlichen und betrieblichen Organisierung herausbilden – ob millionenfach organisiert sei dahin gestellt – aber wirkungsvoll.

Wie ist euer Verhältnis zu den großen Gewerkschaften, etwa DGB oder Verdi? Herrscht strikte Abgrenzung oder gibt es strategische Kooperationen?

Zunächst, es gibt kein offizielles Verhältnis. Für uns wird das Verhältnis durch die örtlichen Bedingungen bestimmt. Zum Einen gibt es in zahlreichen, zumeist größeren Betrieben eine Doppelmitgliedschaft der IWW Mitglieder. Dies ist nicht prinzipiell begründet, sondern unserer aktuellen relativen Schwäche geschuldet. In einem Großbetrieb kann ich als einzelner frei schwebender Wobblie nur begrenzt agieren. Die Gefahr des Abschusses / Rauswurfs ist hoch. Hier ist angeraten, sowohl die eigenen Organisationsansätze zu entwickeln und auszubauen, als auch innerhalb bestehender Strukturen zu arbeiten. Ein ganz pragmatisches Herangehen.
Eine strategische Kooperation schließt dies aber aus. Ich möchte auch nicht das Gelächter der örtlichen DGB-Oberen hören, wenn wir sie zu einem Small Talk über z.B. eine 30 Stunden Woche Kampagne einladen würden.

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