(K)eine haarige Angelegenheit

Bild.friseur„Hauptsache die Haare liegen!“ Das ist das – fast – Wichtigste bei Frauen. Meine Haare feierten in letzter Zeit ihre eigene Party, und darum hatte ich neulich  einen Termin bei der Friseurin meines Vertrauens.

Von „Nimm ordentlich Geld mit“, bis „Ich war wegen der Preiserhöhung noch gar nicht wieder beim Friseur“ war von einigen aus meinem Umfeld an Kommentaren alles dabei. „Ach ja? Um wie viel ist der Preis denn gestiegen?“ „Keine Ahnung, aber wird schon einiges sein.“ Ah ja. Danke für das Gespräch…

Ich hatte mir sowieso vorgenommen meine Haartante zu fragen, ob sie denn seit dem 01. August die 1. Staffel des Mindestlohns bekommt, oder ob sie nicht vielleicht schon vorher 6,50€ verdient hat. (Ab und zu darf man ein bisschen frech sein…)

Pünktlich steht sie vor mir und lächelt mich an „Wollen wir loslegen?“ Wir setzen uns und sie kämmt mir die Haare durch, wir besprechen, was gemacht werden soll, und was auf gar keinen Fall gemacht werden darf. Ich weiß, dass das bei ihr auch garantiert nicht passiert. Für dieses Vertrauen habe ich schon meine Arbeitszeiten verschoben.

Dann ab zum Haare waschen. Mein Nacken und meine Schultern werden in Handtücher eingebettet. Das Wasser ist sofort angenehm warm. Sie wäscht mir die Haare und massiert meine Kopfhaut. Das ist mit das Beste am  Friseurbesuch.

„Möchtest du auch eine Pflege?“ Achtung Cross-Selling Aktion! Kostet natürlich extra. Aber klar nehme ich auch eine Pflege. Intensivpflege – wenn schon, denn schon.

Während all dem unterhalten wir uns: Wie geht`s? Warst du im Urlaub und wo? Hast du dies und das schon gehört? Was macht die Arbeit? Stressig, mmhh, ja, ist Mist, ich weiß…

Gekonnt steckt sie meine gesamte Haarpracht hoch um nur einzelne Strähnen auf die gewünschte Länge zu schneiden. Das ist der Teil eines Friseurbesuchs, an dem man sich überhaupt nicht vorstellen kann, dass man den Laden nur halbwegs ansehnlich wieder verlässt. Als wir beim Schneiden angekommen sind frage ich sie zwischen „…ich hab da so was im Fernsehen mitbekommen…“ und „…das wäre ja toll, wenn es stimmt…“, ob die Angestellten in meinem angestammten Friseurladen denn seit Anfang August 6,50€/Std bekommen. Sie antwortete offen und ohne zu zögern, dass der Laden seit Anfang des Jahres die Löhne der Angestellten in kleinen Schritten auf 6,50€/Std angehoben hätte, und gleichzeitig auch die Preise angeglichen habe, sonst wäre es am 01. August zu einem „zu großen Sprung“ gekommen. Die Resonanz der Kunden ist durchweg positiv. Einige wüssten dank Medienberichterstattung von den Niedriglöhnen in der Friseurbranche und finden die Einführung des Mindestlohns eine gute Sache. Andere wissen davon nichts und fragen, warum die Preise schon wieder gestiegen sind. Erklärt man es ihnen, zeigen sie Verständnis. „Wenn Sie dadurch mehr Geld bekommen zahle ich gern mehr“, soll ein Kunde im Laden gesagt haben. Sie selbst sagte darüber, dies sei endlich mal eine Preiserhöhung, von der die Angestellten etwas haben. Und sie freue sich darüber, es seien ungefähr 2€ mehr pro Stunde, die sie jetzt mehr bekommt.

An der Stelle musste ich mich sehr zusammen reißen nicht unbewusst den Kopf zu schütteln, sonst hätte sie sich womöglich noch verschnitten.

Das Schlimmste, sagte sie, waren die ständigen Auseinandersetzungen mit dem Arbeitsamt. Dort verwechselte man in regelmäßigen Abständen ihren Status als jemanden, der aufstockende Leistungen bezieht mit einem Arbeitssuchenden. Das hatte zur Folge, dass ihr stets und ständig Repressalien und Leistungskürzungen in einem unsäglichen Ton angedroht wurden, ohne sich aber im Nachhinein für die Verwechslung, und viel mehr noch, für den hochnäsigen Tonfall, zu entschuldigen. Jetzt beantragt sie nichts mehr, erzählte sie, sie würde zwar noch ein wenig bekommen, aber für die paar Euro tue sie sich den Stress nicht mehr an.

Dies ist nur ein Beispiel wie nötig die Einführung des Mindestlohns in der Friseurbranche war. Und das die Kunden die Preiserhöhung „gerne zahlen“, wenn sie denn wissen, dass die Angestellten die Profiteure davon sind. Es muss den Leuten nur verständlich erklärt werden. Es zeigt auch wie wichtig es ist, Problematiken wie prekäre Beschäftigungsverhältnisse immer und immer wieder zu thematisieren und an die Öffentlichkeit zu zerren. Nicht zuletzt auch darum, um die Menschen, die sich überhaupt nicht vorstellen können für 4,50€/Std Vollzeit arbeiten zu gehen, darauf aufmerksam zu machen, dafür zu sensibilisieren und aufzuklären.

Selbst wenn die Branche 2015 bei 8,50€ ankommt, ist dies aber immer noch ein viel zu niedriges Einkommen, das es nicht wert ist umjubelt zu werden

Schlussendlich bleibt als Lösung nur der gesetzliche Mindestlohn, der weit über 8,50€ liegen muss. Damit sich alle Menschen alle notwendigen Güter und Dienstleistungen leisten können. Und sich eben nicht zwei Mal überlegen müssen, ob sie auf dieses oder jenes in diesem Monat besser verzichten sollten – trotz einer Vollzeitstelle.  Der Gang zum Arbeitsamt, um aufstockende Leistungen zu erhalten, darf nicht mehr nötig sein. Nicht nur, dass es Unmengen an Geld verschlingt, das an anderer Stelle dringend gebraucht wird, es ist erniedrigend und belastend für die ArbeitnehmerInnen jeden Monat den Lohnzettel vorzulegen, damit die Leistung berechnet werden können.

Übrigens liegt das derzeitige Preisniveau, das sich durch die erste Lohnsteigerung auf 6,50€/Std (Ost) ergeben hat, bei nur ca. 2€ höher als vorher. Andere Leistungen wie z.B. Färben kosten im Moment ca. 5-6€ mehr. Die Schwarzmalerei über explodierende Preise und insolvente Läden durch ausbleibende Kunden ist im Moment kompletter Unfug. Außerdem: Hauptsache die Haare liegen!

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