Distanzierung BDS-Kampagne / Dissociation BDS campaign

anti-BDSDie IWW veröffentlichte im Dezember 2010 einen in Minneapolis von der IWW Friends of Palestinian Workers Group initiierten Beschluss, welcher die Unterstützung der sog. BDS-Kampagne verkündet. Die BDS-Kampagne fordert einen Boykott, einen Investitionsentzug und Sanktionen gegen den Staat Israel, um so die Rechte der PalästinenserInnen, und hierbei insbesondere der palästinensischen Lohnabhängigen zu stärken.

In vermeintlichem Bezug auf fundamentale Prinzipien der IWW heißt es unter anderem:

„[…] the working class of Palestine has made direct requests to the IWW through each union with which the IWW delegation to Palestine met, to join the international campaign of Boycott, Divestment, and Sanctions („BDS“) call for by every union federation in Palestine against their occupier Israel as an effective form of resisting its military occupation, war crimes, and apartheid policies […]“

Weiter heißt es in der Resolution in Bezug auf den Dachverband israelischer Gewerkschaften Histadrut:

„FURTHERMORE, the IWW shall not recognize Histadrut („The General Federation of Laborers in the Land of Israel“) as the legitimate representative of Israeli workers unless and until it recognizes its impediments to working class solidarity and (1) call for the dismantlement of the Apartheid Wall, (2) calls for the withdrawal of Israel from all lands occupied in 1967, (3) recognizes the right of return for Palestinians with reparations, (4) ceases its discriminatory practices towards different workers based upon Zionist distinctions, (5) implements direct election of all union delegates and officers at Histadrut Conventions, and (6) calls for the abolition of all laws that discriminate workers on the basis of religion or ethnicity.“

Somit macht sich die IWW mit einer vermeintlich emanzipatorischen und gewerkschaftspolitischen Argumentation eine Delegitimierungskampagne gegen den jüdischen Staat zu eigen, welche zudem geeignet erscheint, die israelischen ArbeiterInnen ihrer Mündigkeit im politischen und sozialen Kampf zu berauben, hingegen eben eine solche Mündigkeit für die palästinensischen ArbeiterInnen eingefordert wird.

Eine einseitige Parteinahme, wie sie in der hier in Teilen zitierten Resolution zum Ausdruck kommt, erscheint uns zutiefst problematisch. So lehnen wir es beispielsweise ab, Israel als Apartheid-Staat zu bezeichnen. Hierbei handelt es sich nicht nur um einen unhaltbaren historischen Vergleich, sondern mehr noch um eine ideologische Delegitimierung Israels zugunsten einer nationalistischen Befreiungsbewegung.

Dies steht unserer Auffassung nach in einem engen Zusammenhang mit dem von Nathan Sharansky formulierten „3-D-Test“, um eine Kritik am Staat Israel dahingehend zu überprüfen, ob sie sich antisemitischer Argumentationsmuster bedient. Sharansky spricht hierbei von folgenden Eckpfeilern: Dämonisierung, doppelte Standards und Delegitimierung.

All das scheint uns in der Resolution zur Unterstützung der BDS-Kampagne gegeben. So zum Beispiel wenn Israel ethnische Säuberungen und eine Apartheid-Politik unterstellt wird, im besonderen Maße wenn Menschenrechtsverletzungen der palästinensischen Autoritäten unerwähnt bleiben und letztlich ein Boykott nicht nur israelischer Produkte, sondern beispielsweise auch des akademischen Betriebs gefordert wird, ohne dabei die Interessen und Kämpfe der israelischen Lohnabhängigen zu berücksichtigen.

Eine solche Resolution stärkt in keinster Weise den solidarischen Kampf der ArbeiterInnen überall auf der Welt, sondern begünstigt eine Entsolidarisierung und unnötige Spaltung der ArbeiterInnenbewegung.

Daher distanzieren wir uns mit aller Deutlichkeit von derlei Boykott-Kampagnen gegen israelische Produkte und der Delegitimierung Israels zugunsten anti-emanzipatorischer Kräfte. Wir fordern alle Wobblies auf es uns gleich zu tun.

Solidarität mit allen ArbeiterInnen weltweit – auch mit israelischen!

 

In december 2010 the IWW published a resolution initiated by the IWW Friends of Palestinian Workers Group which declares to support the BDS-campagne.

The BDS-campagne calls for a boycott, divestment and sanctions against the State of Israel in order to strengthen the rights of the Palestinians, especially the Palestinian workers.

Reffering to fundamental principles of the IWW the resolution says:

„[…] the working class of Palestine has made direct requests to the IWW through each union with which the IWW delegation to Palestine met, to join the international campaign of Boycott, Divestment, and Sanctions („BDS“) call for by every union federation in Palestine against their occupier Israel as an effective form of resisting its military occupation, war crimes, and apartheid policies […]“

Further on it says reffering to the umbrella organisation of Israeli labor unions, Histadrut:

„FURTHERMORE, the IWW shall not recognize Histadrut („The General Federation of Laborers in the Land of Israel“) as the legitimate representative of Israeli workers unless and until it recognizes its impediments to working class solidarity and (1) call for the dismantlement of the Apartheid Wall, (2) calls for the withdrawal of Israel from all lands occupied in 1967, (3) recognizes the right of return for Palestinians with reparations, (4) ceases its discriminatory practices towards different workers based upon Zionist distinctions, (5) implements direct election of all union delegates and officers at Histadrut Conventions, and (6) calls for the abolition of all laws that discriminate workers on the basis of religion or ethnicity.“

That means that the IWW, in the light of a so called emancipatory and union argumentation, is playing part in a delegitimation-campagne against the jewish state which in fact is also suitable to spoil the maturity of the Israeli workers in their own political and social fights while this kind of maturity is demanded for the Palestinian workers.

We think that a taking of sides like in this resolution is very problematic. For example we refuse to call Israel an Apartheid-State. This is not just a historical insupportable comparison but further more an ideological delegitimation of Israel in behalf of a nationalist liberation movement.

In our opinion this is deeply connected to the so called „3-D-Test“ by Nathan Sharansky which is meant to check wether critique of the State of Israel is using antisemitic pattern of argument. In this context Sharansky speaks of the following cornerstones: demonization, double standarts and delegitimation.

For us all of this is easy to find in the resolution in support of the BDS-campagne. For example when it blames Israel of ethnic cleansing and Apartheid-politics, especially when it doesn’t talk of the violations of human rights by the Palestinian authorities and when it demands for a boycott not only of Israeli products but for example also of academics without thinking for just a single moment of the interests and fights of the Israeli workers.

Such a resolution doesn’t strengh the solidary fights of workers all around the world but promotes a loss of solidarity and unnecessary splitting of the labor movement. This is why we renounce such boycott-campagnes of Israeli products and the delegitimation of Israel to the benefit of anti-emancipatory powers. We call on all Wobblies to do it like us!

 Solidarity with all workers around the world – also with the Israeli ones!

13 comments to Distanzierung BDS-Kampagne / Dissociation BDS campaign

  • Ali Hasan

    Sehr schöne Distanzierung, ich bin begeistert. Weiter so! 🙂

  • Wobblie

    Super!
    Hoffentlich nehmen sich andere Ortsgruppen daran ein Beispiel und distanzieren sich ebenfalls!

  • Treasurer

    Als Mitglied der GMB Rostock und Mitunterzeichner der damaligen Resolution zur Unterstützung der BDS-Kampagne durch die IWW, die danach im weltweiten IWW-Referendum eine Mehrheit fand, möchte ich feststellen, daß dieser Beitrag nicht von mir mitgetragen wird. Richtig: Solidarität mit allen Werktätigen weltweit! Das schließt natürlich auch israelische und palästinensische Werktätige mit ein, die sich in Arbeits- oder sozialen Kämpfen befinden. Aber Solidarität mit dem Staat Israel? Jetzt das Schwergewicht auf Rassen-, nationale oder religiöse Unterschiede legen? Mit mir nicht, auch weil das den Zielen der auf Klassenkampf orientierten IWW widerspricht. Warum unterstütze ich die BDS-Kampagne? Weil im Staat Israel, der sich selbst und den nun auch ihr als „jüdischen Staat“ (und damit als religiösen Staat?) definiert, ca. 25 % der Bevölkerung Araber und andere Minderheiten sind, denen etliche Rechte verwehrt werden. Weil im Staat Israel Heiraten zwischen Angehörigen verschiedener Religionen verboten sind (was der Apartheid recht nahe kommt oder schon Apartheid ist). Weil der Staat Israel an seinen Grenzen afrikanische Migranten abweist bzw. innerhalb seiner Grenzen verfolgt. Weil auch der Staat Israel Atomwaffen besitzt und dies die Weltöffentlichkeit kaum stört. Damit genug der Beispiele. Noch wichtiger erscheint es mir, darauf hinzuweisen, daß die zionistische Staatsdoktrin, die in Israel von religiösen wie nichtreligiösen Parteien gemeinsam vertreten wird, eine rassistische Ideologie ist. Und aus diesem Grunde werde ich mich auch keinen Tests eines Vertreters dieser Ideologie, des Antikommunisten Scharanski, unterwerfen.

    • Superwobblie

      Na wenigstens hast du den Text gelesen, bloß nicht verstanden. 😉
      Du begründest deinen „Willi unter der BDS“ genau mit den Inhalten der Resolution. Schonmal drüber nachgedacht das genau du mit der Distanzierung gemeint bist? Deine billige Kritik an Nathan Sharansky ist auch voll daneben. Denn sein „Antikommunismus“ wie du ihn bezeichnest richtet sich gegen rückwertsgewandte ML`er. Für mich ist das kein Problem. Wenn du so einer bist dann trete doch auch in so eine Partei ein und nicht in eine unionistische Gewerkschaft! Ansonsten kannst du dich ja mal inhaltlich reflektieren und in Betracht ziehen, dass dein ekelhafter Antizionismus wie du ihn hier ganz offen predigst ziemlich dicht an ganz ordinären und offenen Antisemitismus der Nazis und solcher Terrorregime wie dem Iran dran ist. Mal davon abgesehen das es legitim wäre sich mit dem Staatsgebilde Israel zu solidarisieren wird das im Text überhaupt nicht getan „es wird sich lediglich mit israelischen Lohnabhängigen solidarisiert. Das ausgerechnet Du, als deutscher Linker von Solidarität quatscht und gleichzeitig einen Boykott gegen Israel mitträgst obwohl dieser nicht von den israelischen Arbeitern, nicht von einer einzigen israelischen Arbeiterorganisation getragen wird unterstützt, ist eine ungeheuerliche Entmündigung. Das hat nicht mit Klassenkampf zu schaffen. Klassenkampf ist nur in uneingeschränkter Solidarität untereinander zu machen.

      In diesem Sinne: Nimm deine Kartoffelkrallen weg von den israelischen Lohnabhängigen.

  • Wobblie

    Sollten wir dann nicht auch den Aufbau von IWW-Ortsgruppen in anderen repressiven Staaten wie z.B. dem Iran verhindern?
    Was bringt dann ein Boykott israelischer Waren geschweige denn akademischer Einrichtungen??
    Schürrt so ein Boykottaufruf nicht sämtliche Ressentiments die einen Friedensprozess zwischen Palästinensern und Israelis möglich machen könnten??
    Die BDS-Kampange spricht ein Problem an – und zwar die Situation der Arbeiter/innen im Gaza-Streifen bzw. des Westjordanlandes. Aber er verbessert nicht deren Situation sonder trägt zu deren Zuspitzung bei!
    Wir als IWW haben in unserer Präambel stehen, dass wir politische Richtungen ( im allgemeinen)sämtlicher Coleur aufnehmen und in solchen Konfliktefällen nicht als politischer Interessenvertreter auftreten.
    Desweiteren ist eine grundsätzliche Kritik des Staates Israel zulässig, jedoch ohne sich dabei antisemitischer Stereotypen zu bedienen.
    Vielmehr sollten sich in beiden Lagern IWW-Gruppen gründen und gemeinsam eine Konfliktlösungsstrategie entwickeln, welche gleichzeitig Arbeits- und Lebensverhältnisse beider Lager verbessert und damit Frieden erst möglich macht.

  • wobblie

    Sehr gute, wenn auch etwas knappe Stellungnahme. Lasst euch vom nun vermutlich folgenden flamewar nicht irre machen! ONE BIG UNION!

  • Ali Hasan

    Ich finde eher man sollte fragen, warum denn niemand Waren aus dem Iran oder Saudi- Arabien boykottiert, wo Menschen vom Regime ermordet werden, weil sie Bahai, Christen oder Juden sind, weil sie homosexuell sind, weil sie Frauen sind, die sich nicht verschleiern wollen usw. usf.

    Und warum redet bei islamistisch regierten Staaten niemand von Apartheid, obwohl doch der Dhimmi- Status, der Christen und Juden zu Menschen zweiter Klasse macht noch das beste ist, was man bekommen kann, sofern man nicht zum Islam konvertiert. Denn Menschen, die nicht zu einer sog „Buchreligion“ zählen haben absolut keine Existenzberichtigung in diesen Staaten. Aber klar, sobald man Antisemitismus komplett ausklammert bei seiner Gesellschaftsanalyse kann da ja nur Blödsinn bei rauskommen.

  • Treasurer

    Lieber Ali, warum dieses Schwarz-Weiß-Denken? Wenn man gegen die Politik des Staates Israel argumentiert, ist man automatisch pro-iranisch oder pro-saudisch und – noch schlimmer – antisemitisch? Da bist du völlig im Irrtum. Als Atheist und Internationalist bin ich gegen alle religiösen Fanatiker, seien sie christlich, jüdisch, islamisch oder sonstwie religiös gebunden, als auch gegen alle Nationalisten, seien sie z.B. Semiten oder Hamiten oder seien sie bspw. für ein Groß-Deutschland, -Israel, -Iran, -Syrien oder eine Groß-Türkei. Um bei Iran zu bleiben: Solidarität mit dem iranischen Staat verbietet sich von selbst, seit schon unter Khomeini Andersdenkende, darunter auch Kommunisten und andere, die zusammen mit religiösen Kräften den Shah stürzten, verfolgt wurden. Warum gibt es bei dir nur eine Einteilung der Menschen nach Religionen – übrigens hast du dich wohl etwas vergaloppiert in deiner Argumentation: der Islam definiert Judentum und Christentum genau wie sich selbst als Buchreligion, d.h., nur von islamischen Fanatikern verschiedener Couleur geht Gefahr für Andersgläubige und -denkende aus, wohl nicht so sehr vom offiziellen Islam – und nicht in Ausgebeutete und Ausbeuter? Ich dachte, ich wäre in der DDR indoktriniert worden, aber unter euch – vermutlich – jungen Leuten ist es heute ja noch schlimmer: Wie kann ich mir die bürgerliche bundesdeutsche Staatsräson zu eigen machen? Wo bleibt das Klassenbewußtsein oder gibt es keines? Die hier herrschenden Kreise lachen sich ins Fäustchen, denn die Ablenkung vom Klassenkampf ist gelungen.

  • Ali Hasan

    Tatsächlich legst du mir Worte in den Mund. Ich habe lediglich angemerkt, dass es doch etwas seltsam, wenn nicht gar verdächtig ist, wenn man mit einer ausgesprochenen Leidenschaft gegen den Staat Israel kämpft, während einem Saudi- Arabien oder der Iran völlig am Arsch vorbei geht. Warum es nun auch weltweit wesentlich mehr Menschen gibt, die genau das tun, trotz der Tatsache, dass die Greueltaten der saudischen oder iranischen Herrscher von kaum etwas, was gerade passiert in den Schatten gestellt werden, würde ich gerne mal erklärt bekommen.
    Ebenso habe ich nie gesagt, dass vom Islam irgendeine Gefahr ausgeht, sondern ich habe explizit von Islamismus geredet. Dennoch würde ich dir empfehlen, dich mal mit dem „Dhimmi- Status“ auseinanderzusetzen, bevor du mir irgendwas unterstellst.

    PS: Wenn du mir (warum auch immer) sagst, dass ich die bundesdeutsche Staatsraison mir zu eigen machen würde, dann ist das in etwa das Gleiche, als würde ich dir unterstellen, du würdest dir die iranische Staatsraison zu eigen machen, was du nämlich in dem Fall, wo du die BDS- Kampagne unterstützt punktuell tatsächlich tust. Die Frage ist aber, was eine solche Aussage nützt, außer propagandistisch rumzupöbeln.

  • General Directive No.5

    gute distanzierung

    http://www.tw24.net/?p=7845

  • Ekelhafte Solidaritätsverweigerung. Allein schon der Antisemitismus dieser Erklärung, in der Juden dauernd dem zionistischen Regime und der zionistischen Bewegung pauschal gleichgesetzt werden, ist sehr bedenklich. Daß der offen rassistische Charakter des zionistischen Staates im Namen einer geheuchelten „Solidarität mit israelischen Arbeitern (von denen 20 % keine Juden sind und somit in allen Lebensbereichen – nicht zuletzt auch im quasistaatlichen „Gewerkschaftsbund“ Histadrut – rechtlich benachteiligt werden) geleugnet wird, ist an Zynismus kaum zu überbieten. Daß das alles mit einem Verweis auf die Worte des Rassisten Scharansky gerechtfertigt wird, macht es auch nicht besser.

  • „es wird sich lediglich mit israelischen Lohnabhängigen solidarisiert“

    Aber eben nicht mit allen, nur mit den privilegierten.

  • Midan

    Die BDS Kampagne wird u.a. von palästinensischen Gewerkschaften unterstützt und euft uns alle auf ihnen zu folgen. Der israelische Gewerschaftsbund (Histradut) wird dafür angeprangert, die Interessen der Arbeiter nicht aufgrund ihrer Klasse, sondern Ethnie und Nationalität zu vertreten.

    Die BDS Kampagne richtet sich an alle rechtschaffenden Menschen dieser Welt, ihre nationalen Regierungen, Verbände, Firmen usw. anzuhalten, internationales Recht und die universalen Menschenrechte zu achten und durchzusetzen.

    Gäbe es BDS Kampagnen dieser Art in Saudi Arabien, Iran und sonstwo, sollte man sich damit selbstverständlich mit ihr solidarisieren.

    Auch der Histradut sollte sich mit den palästinensischem Aufruf solidarisieren. Das er das nicht tut, ist nicht verwunderlich, bestätigt es ja nur, wie rassistisch er immer schon in Bezug auf Arbeiterrechte der indigenen Bevölkerung Palästinas war.

Leave a Reply

You can use these HTML tags

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>