Tariflicher Mindestlohn in der Friseur- und Gerüstbauerbranche

mindestlohn_friseur_fotoSeit dem 01. August gilt bundesweit für die Friseurbranche der tarifliche Mindestlohn.

8,50€/Stunde sollen am Ende dabei heraus kommen.

Die Löhne werden stufenweise, und getrennt nach Ost und West, an die 8,50€/Std. heran geführt werden: Ab dem ersten August wird in den neuen Bundesländern (und einschließlich Berlin) ein Stundenlohn von 6,50€ gezahlt, in den alten Bundesländern sind es 7,50€.

Die zweite Erhöhung erfolgt am ersten August 2014: Dann wird im Osten auf 7,50€ angehoben, im Westen auf 8€. Schlussendlich soll ab dem ersten August 2015 bundesweit ein tariflicher Mindestlohn von 8,50€/Std. gezahlt werden. In der Gerüstbauerbranche sind es 10€/Stunde ab dem 01. August 2013.

Moment!… Tariflich? Wie viele Friseurinnen und Friseure kommen denn in den Genuss des Mindestlohns? Hier geht man von einer Zahl aus, die sich um die 90.000 bewegt. Die MitarbeiterInnen sind Mitglieder in Innungen und gewerkschaftlich organisiert. Dann kommen aber noch diejenigen oben drauf, die weder Innungs- noch Gewerkschaftsmitglieder sind, und man schätzt die Gesamtzahl auf 160.000 bis 180.000 bundesweit. Vorerst profitiert also maximal die Hälfte der ArbeitnehmerInnen der Friseurbranche.

Es ist geplant beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales einen Antrag auf Allgemeinverbindlichkeit zu stellen. Voraussetzung dafür ist, dass die tariflichen Regelungen für mindestens die Hälfte der MitarbeiterInnen der betroffenen Branche gelten, und dass die Allgemeinverbindlichkeit von öffentlichem Interesse erscheint. Beide Voraussetzungen sieht man als erfüllt an. Geht der Antrag beim Bundesministerium durch würde auch die nicht organisierte Hälfte den längst überfälligen, aber dennoch zu niedrigen Stundenlohn bezahlt bekommen. Kein Grund für die Tarifvertragsparteien sich nicht jetzt schon auf die Schultern zu klopfen. „Ein Erfolg für die Friseurbranche“ wird dieser Etappensieg genannt, den man schon vor Jahren hätte erringen müssen.

Als Hauptgrund für die Einführung eines tariflichen Stundenlohns wird übrigens nicht der zum Teil menschenunwürdige und sittenwidrige Stundenlohn von 3€ in den neuen Bundesländern benannt, oder der etwas höher liegende Stundenlohn im Westen. Es ist, und da sind sich wieder die Vertragsparteien einig, der schlechte Ruf der Friseurbranche. Das dieser einzig und allein auf Dumpinglöhnen gründet will niemand so wirklich laut sagen. Die Folgen von viel zu niedriger Bezahlung sind das Erschaffen einer ganzen Generation von AufstockerInnen in einer Branche und das Beziehen von unterstützenden Sozialleistungen trotz Vollzeitarbeit. Festangestellte kündigen und gründen Friseurkleinstbetriebe, weil ihnen die Selbstausbeutung angenehmer erscheint als ausgebeutet zu werden. Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt, Friseur zu sein oder werden zu wollen gilt als bemitleidenswert, weil dieser Beruf eben keinen Spielraum für eine individuelle Lebensplanung zulässt. Von der Hand in den Mund – sobald der Chef und das Amt gezahlt haben.

All das zu verschweigen, es nicht laut zu sagen und damit eine wichtige Diskussion in der Öffentlichkeit, und auch in der Politik, am Leben zu halten, ist die pure, arrogante Ignoranz gegenüber dem finanziellen Desaster, und allen daraus entstandenen Folgen, die man den FriseurInnen jahrelang durch Dumpinglöhne und Preiskämpfe zugemutet hat.

Auch in diesem Fall darf natürlich ein Schreckgespenst nicht fehlen. Dieses Schreckgespenst heißt „Preissteigerung“. Lokal, und vor allem im Osten, befürchtet man, dass die Preise erheblich steigen müssen damit die Lohnsteigerungen bezahlt werden können. Wer sich jetzt ängstlich die Frage stellt, ob man sich in Zukunft Friseurbesuche noch leisten kann, der sollte mal auf seinen Lohnzettel schauen und sich vielleicht fragen, ob nicht ein bundesweiter gesetzlicher Mindestlohn sinnvoll ist. Niemandem nützt ein tariflicher Mindestlohn in einer Branche, wenn der Rest ihn nicht bezahlen kann. Solange der Ruf nach einem gesetzlich einheitlichen Mindestlohn nicht nachhaltig, so leise und sich auf einem Lohnniveau bewegt, für den die kapitalistische High Society nicht mal aufstehen würde, braucht sich auch niemand über Preissteigerungen zu beschweren.

Quellen und weiterführende Links:

http://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeinverbindlicherkl%C3%A4rung

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/8-50-euro-friseure-einigen-sich-auf-mindestlohn-12158211.html

http://www.wdr2.de/aktuell/mindestlohn184.html

 http://www.fr-online.de/wirtschaft/mindestlohn-friseur-friseurbesuche-werden-teurer,1472780,23852076.html

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