Naziaufmarsch in Demmin verhindern!

Am kommenden Mittwoch werden die Nazis wieder versuchen, in Demmin aufzumarschieren. An dieser Stelle dokumentieren wir den Aufruf zu den Protesten gegen die Geschichtsverdreherei der Nazis:

Nicht lang fackeln!

Am 8. Mai 2013 will die Neonaziszene Mecklenburg Vorpommerns zum siebten Mal in Demmin aufmarschieren. Wieder einmal wollen sie ihre Sichtweise der Geschichte propagieren, einen deutschen Opfermythos konstruieren und diesen ins Zentrum des Gedenkens an die Kapitulation Deutschlands vor 68 Jahren rücken. Einmal mehr wollen sie so versuchen, die Geschichte zu relativieren und ihre menschenverachtende Propaganda auf die Straße zu bringen.

Zur Geschichte

Ende April 1945 steht die Rote Armee kurz vor Demmin. Die Kleinstadt soll dabei auf ihrem Weg nach Rostock möglichst schnell passiert werden. Die verbliebenen deutschen Truppen aber sprengen die wichtigsten Brücken bevor sie fliehen. Die Rote Armee zieht am 30. April 1945 in Demmin ein. Doch bleibt den sowjetischen Truppen aufgrund der zerstörten Brücken erst einmal nur zu warten. Trotz der umfassenden deutschen Chancenlosigkeit in den letzten Kriegstagen regt sich in der Peenestadt nationalsozialistischer Widerstand von verbliebenen Wehrmachtsoldaten, Volkssturmangehörigen und der einheimischen Bevölkerung. Nach kontinuierlicher Sabotage und Attentaten auf Angehörige der Roten Armee während des 30. Aprils erhalten die Sowjetsoldaten Befugnis Wertgegenstände der Bevölkerung an sich zu bringen – Teile der Stadt werden zerstört.
Die durch nationalsozialistische Propaganda geschürte Angst vor den Sowjets zeigt Wirkung, einige hundert DemminerInnen ermorden ihre Familien und richten sich anschließend selbst.

Fantasialand

Dieses historische Ereignis nehmen Neonazis heute zum Anlass die Geschichte zurecht zu biegen. In ihren Aufrufen zu „Trauermärschen“ und „Totengedenken“ werden bewusst die Vorgeschichte des entfesselten Weltkriegs und die Folgen des nationalsozialistischen Vernichtungswahns in Europa verschwiegen. Mit keiner Silbe wird diesbezüglich erwähnt, dass es die Deutschen waren, die dem Aufruf ihrer Führung zum totalen Krieg jubelnd folgten und die Bevölkerung Sowjetrusslands versklaven und ermorden wollten. Stattdessen beruft sich der selbsternannte „Nationale Widerstand“ diskursiv heute weiterhin bewusst auf die scheinbar unschuldige „deutsche Volksgemeinschaft”, die vor allem Opfer „alliierter Kriegsverbrechen“ wurde. Dabei ist auch der konstruierte Mythos einer unschuldigen Stadt Demmin schlicht unhaltbar. So erreichte die NSDAP bei den Reichstagswahlen im März 1933 fast 54% . Während des Krieges wurden Menschen in Stadt und Region zur Zwangsarbeit und „Vernichtung durch Arbeit“ verschleppt.
Ebenfalls verschweigen die Neonazis heute die jahrelange Propaganda und rassistische Indoktrination, die ihre „Volksgenossen“ damals derart wohlwollend aufnahmen und weiterverbreiteten, dass sie, so etwa in Demmin, auch nach Ende der unmittelbaren Kriegshandlungen in der Region hunderte Menschen zu MörderInnen machte und in den Selbstmord trieb. Die nationalsozialistische Massenpsychose als Grund für das irrationale Handeln der Bevölkerung Demmins wird dabei heute propagandistisch wohlwollend ausgeklammert. Durch die bewusste zeitliche Überschneidung wird dem Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus durch die Alliierten, dem in vielen Teilen der Welt auch heute noch mit Dankbarkeit und Freude gedacht wird, die Legitimität aberkannt. Die Geschichte absichtlich ausblendend, wiederholen die Neonazis an diesem Tag damit genau das, was damals auch die Bevölkerung Demmins in den Untergang trieb: nationalsozialistische Ideologie und Propaganda. Die Vorfälle in Demmin im Frühjahr 1945 werden dabei als Argument benutzt, um aus dem Sieg über Hitlerdeutschland eine illegitime Besatzung und Unterjochung des „deutschen Volkes“ zu machen. Damit reihen sich die neuen Nazis direkt in die Tradition der alten ein und beweisen so geistige und praktische Nähe zum Nationalsozialismus: Das heraufbeschworene Volk wird unter Missachtung geschichtlicher Tatsachen und Zusammenhänge zu einem Opfer stilisiert, um daraus eine Legitimation für das eigene Weltbild und Handeln zu ziehen.

Für die Neonaziszene im Nordosten ist die jährliche Veranstaltung in Demmin neben seiner Öffentlichkeitswirksamkeit auch ein szenestärkendes Event. In Anbetracht einiger großartiger Teilerfolge regionaler antifaschistischer Interventionen im Land, kommt diesem Element des geschichtsrevisionistischen Aufmarsches zusehends Bedeutung zu. In Demmin vergewissert man sich gemeinsamer Mythen und stilisiert sich zur Kampfgemeinschaft gegen den Zeitgeist und die angebliche Geschichtsschreibung der „Besatzer“ und „Systemmedien“. Fern von Zusammenhängen und Tatsachen drückt sich das Gedenken dann auch aus: Der „Trauermarsch“ wird von besonders hundsäugig drein blickenden “Kameraden” in altdeutschem Flüchtlingsschick samt Bollerwagen und Schmutz auf den Wangen angeführt und vom theatralischen Kranzabwurf in die Peene abgerundet.
Verantwortlich für diesen Karneval zeichnet sich der NPD-Abgeordnete Michael Gielnik aus Stadt Usedom, der gleich eine Anmeldung bis 2017 einreichte. Hinter dem Aufmarsch in Demmin stecken, wie üblich in Mecklenburg-Vorpommern, also die NPD und ihre Kader. Doch auch die lokalen Strukturen werden stets mit eingebunden in das Trauerspiel. AktivistInnen der „Kameradschaft Landkreis Demmin“, wie beispielsweise Marko Lohmann, verlesen Redebeiträge oder Gedichte. Sie tragen das Fronttransparent und schauen traurig aus der Wäsche, wenn NPD-Granden die Geschichte nach nationalsozialistischem Gutdünken umlügen und dem Deutschen Volk die Tränen in die Augen treiben.

Nischt zu flennen!

Für uns gibt es keinen Grund am 8. Mai den Kopf hängen zu lassen. Im Gegenteil, gerade historisch bedeutsame Daten wie der Tag der Kapitulation Nazideutschlands und geschichtlich markante Vorgänge wie der Massensuizid von Demmin sind es, die uns dazu veranlassen eine klare antifaschistische Deutung der Geschichte einzufordern. Wir wollen, dass die Schuldigen von Vernichtungskrieg und Massenmord klar benannt und an die Opfer deutschen Wahns erinnert wird. Wie verwehren uns gegen eine Täter-Opfer-Umkehr, wie sie die Neonazis stets propagieren und verweigern uns der Geschichtsvergesslichkeit, die den eliminatorischen Antisemitismus, den fanatischen antislavischen Rassismus und den mörderischen Eroberungswahn Deutschlands als Grund für den Zweiten Weltkrieg verschweigt.
Genauso geben wir uns unversöhnlich mit den vom Protagonist_innen aus Medien und Politik angeschobenen Versuchen, die Schuld am Nationalsozialismus und seinen Greulen einigen Wenigen zu zuschieben und die Mitschuld weiter Teile der Deutschen am Nationalsozialismus zu unterschlagen. Die Zeitzeug_innen, die Erinnerung wach halten können, werden weniger. Damit steigt gleichzeitig die Chance der GeschichtsrevisionistInnen auf Erfolg ihres Vorhabens.
Unser Widerstand gegen die Verfälscher der Geschichte auf der Straße ist ein Teil des Widerstands gegen die Umschreibung der deutschen Geschichte zu Gunsten eines nationalsozialistischen Weltbildes oder einer angeblich geläuterten Nation!

Zur Party? Zur Party!

Wir werden den Neonaziaufmarsch in Demmin stören und nach Möglichkeit sogar blockieren. Damit leisten wir am 8. Mai unseren praktischen Beitrag gegen die geschichtsrevisionistischen Lügen der Neonazis und versuchen ihrer Szene im MV einen weiteren Schlag zu versetzen, der sie ins Taumeln bringt. Dabei werden wir nicht vergessen, dass die Neonazis nur die sind, die ihre Geschichtsvergessenheit am radikalsten formulieren. Wir werden uns lautstark gegen die Reinwaschung deutscher Geschichte und die damit verbundene Legitimation neuer deutsche Großmachtsbestrebungen wenden.

Auf nach Demmin, GeschichtsrevisionistInnen stoppen! Cадитесь пожалуйста!

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