Der 1. Mai aus IWW-Sicht

Am Späten Mittag des 1.Mai versammelten sich bei sonnigem Wetter zahlreiche Menschen am Matrosendenkmal in Rostock, um an einer von IWW-Rostock, Antifa Rostock und Defiant Greifswald initiierten Veranstaltung teilzunehmen. Auch zahlreiche Teilnehmer_Innen des vorangegangenen bürgerlich ausgerichteten Maifestes des DGB, fühlten sich von den dort verteilten Aufrufen zur Teilnahme an der antikapitalistischen Demonstration an diesem Tag angesprochen und beteiligten sich zahlreich. Für kurze Aufregung sorgten anfangs auf einem Motorboot auftgetauchte Neonazis, welche versuchten die Menschen auf dem Auftaktkundgebungsort aubzufotografieren. Diese verschwanden jedoch so schnell sie kamen und auch der weitere Tag verblieb ohne Störungen. Der Platz rund um das Monument, welches mit dem Aufstand der Matrosen an den Beginn der Novemberrevolution von 1918 erinnert, füllte sich bis zum Beginn der Demonstration auf 350 Menschen. Nach dem Verlesen des Aufrufs, welcher die Notwendigkeit zur Überwindung der kapitalistischen Verwaltung unseres Lebens zum Ausdruck brachte, folgten zwei Redebeiträge, die unter anderem die Auswirkungen der kapitalistischen Gesellschaft besonders zu Zeiten der Krise an Beispielen rassistischer Hetze und institutionalisiertem Rassismus aufzeigten, sowie zum Kampf gegen Staat und Kapital aufriefen. 

Nach einer Stunde begann der Demonstrationszug über das Werftdreieck durch die KTV zu ziehen. Auf Höhe der Staatsanwaltschaft entbrannte lautstarker Protest gegen die Kriminalisierung von zahlreichen Menschen, welche sich um freien und unabhängigen Zugang zu Bildung, Kultur und allem Lebensnotwendigen bemühen und dabei immer wieder mit Repressionen konfrontiert werden. Ein im weiteren Verlauf verlesener Redebeitrag thematisierte die Verwertungslogik anhand der Problematik der Gentrifizierung. Eine Stadtentwicklung müsse sich an den Bedürfnissen der Bewohner_Innen orientieren und zudem Freiräume und Orte des Experimentierens ermöglichen, statt diese durch stetig steigende Kosten zu verunmöglichen oder auf politischer Ebene zu sabotieren, wie es am Beispiel von Greifswald geschildert wurde.

 

 

Die Demonstration wuchs mittlerweile auf 450 Teilnehmer_Innen an und zog, antikapitalistische Parolen skandierend, durch die Innenstadt. In der Kröpeliner Straße, der Rostocker Einkaufsmeile, machten die Demonstrant_Innen den zahlreich flanierenden Menschen durch ihr lautstarkes Auftreten deutlich, dass der 1. Mai in der Tradition eines Kampftages steht. Das verteilen zahlreicher Flyer ergänzte dies inhaltlich für die außenstehenden Passant_Innen. Vor dem Rathaus, Symbol der sowohl im Aufruf als auch in Redebeiträgen harsch kritisierten Stadtpolitik, wurde daran erinnert, dass wir kaum mehr Möglichkeiten besitzen unser Leben unseren eigenen Wünschen entsprechend selbst auszugestalten. In Sicht- und Hörweite des DGB-Gebäudes fand schließlich die letzte Zwischenkundgebung statt. Hier wurden der Redebeitrag der IWW und der eines Rostocker Genossen verlesen. Beide ergänzten sich einander, indem der Begriff des Klassenantagonismus erläutert und Kritik an der sogenannten Arbeiteraristokratie von sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaften und dem Verhalten einer identitären Linken geübt wurde. Es wurde die Notwendigkeit einer durch die Proletarisierten selbsttätig organisierten gewerkschaftlichen Praxis aufgezeigt, die ein Werkzeug der eigenen Mündigkeit für eine echte antikapitalistische und emanzipatorische Bewegung darstellen kann. Es wurde klargestellt, dass linksradikale Arbeit kein Steigbügelhalter für den DGB sein kann und dass für eine radikale Auseinandersetzung mit den bestehenden Verhältnissen auch die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Gesellschaftsformation unabdingbar ist. Die Demonstration endete schließlich am Hauptbahnhof. Auf dem letzten Teil der Route wurde noch einmal deutlich gemacht, dass es kein Entgegenkommen gegenüber Staat, Nation und Kapital geben darf. Vor dem offiziellen Ende der Veranstaltung wurde noch einmal kurz auf den Naziaufmarsch am 8. Mai, zum Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, in Demmin aufmerksam gemacht und dazu aufgefordert diesen zu verhindern.

Bedeutung dieses 1. Mai

Um eigene Inhalte auf die Straße tragen zu können und eine kämpferische Alternative zum Volksfestcharakter der DGB Demonstration zu schaffen, entschlossen wir uns zu einer eigenen antikapitalistischen Demonstration zum 1. Mai. Wir bekamen hierdurch die Möglichkeit, vor einem breiten Publikum Kritik an den bestehenden ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnissen zu artikulieren. Die Beteiligung zahlreicher Teilnehmer_Innen der vorangegangenen DGB-Veranstaltung an unserer antikapitalistischen Demonstration, sowie das Interesse zahlreicher Passant_Innen, bestätigt uns darin, auch außerhalb der Linken, Proletarisierte mit unseren Inhalten erreicht zu haben. Wir danken Defiant Greifswald und Antifa-Rostock für die gute Zusammenarbeit, welche diese Demonstration ermöglichte. Vor allem danken wir allen Teilnehmer_Innen, die so zahlreich erschienen sind und es somit überhaupt erst ermöglichten, einen kraftvollen Protest gegen die kapitalistische Verwaltung unseres Lebens auf die Straße zu tragen.  Indem wir zahlreiche Menschen aus den verschiedensten Bereichen der Lohnarbeit an diesem Tag erreichen konnten, hoffen wir darüber hinaus mit unseren Inhalten auch längerfristig dazu beigetragen zu haben, die Notwendigkeit der Organisierung im Bewusstsein der Proletarisierten zu verfestigen und die eigene Lebenssituation als Ausdruck des Produktionsprozess kritisch reflektieren zu können.  Ohne das Potential einer einzigen Demonstration überbewerten zu wollen, hoffen wir, dass wir dazu beitragen konnten, den 1.Mai ein Stück weit aus seiner ritualisierten Form befreit zu haben.  Alle Interessierten möchten wir an dieser Stelle noch einmal auf die Möglichkeit aufmerksam machen, die IWW als eine Form der Organisierung der Lohnabhängigen mitzutragen, zu gestalten und zu nutzen. Um unsere Trennungen untereinander überwinden zu können und uns aus unserer Atomisierung im gesellschaftlichen Leben ein Stück weiter befreien zu können, bieten wir euch mit der IWW eine Plattform des Austauschs und der Solidarität im täglichen Kampf.

Anbei die Redebeiträge:

Redebeitrag IWW

Redebeitrag eines Genossen

1 comment to Der 1. Mai aus IWW-Sicht

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