Linkempfehlung: Dossier zu Blood and Honour in Rostock in den Jahren 1996-2002

Vor zwei Wochen wurde ein Bericht des Innenministers Lorenz Caffier (CDU) über die Ermittlungen zu den Taten des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) in Mecklenburg-Vorpommern veröffentlicht. Einen Schwerpunkt des Textes bildete dabei die dem Ministerium und der unterstellten Behörde, dem Verfassungsschutz, bekannten oder ermittelten Verbindungen des NSU in die Neonaziszene in MV. Am Thema interessierte Journalist_innen und Bürger_innen dürften durch diesen allerdings kaum etwas Neues erfahren haben. Bereits im Vorfeld hatte das Ministerium auf Nachfragen von Journalist_innen und Politiker_innen immer wieder mit fehlenden Kenntnissen argumentiert oder auf laufende Ermittlungen verwiesen. Dies war dem Bericht des Innenministeriums nun noch einmal Schwarz-auf-Weiß zu entnehmen. – Auf Indymedia hat die Antifaschistische Recherche Rostock nun ein Dossier veröffentlicht, welches mehr Licht ins Dunkel wirft.

In einem Begleitschreiben zum Dossier, welches der Redaktion Kombinat-Fortschritt zugespielt wurde, heißt es einleitend zu dem 14-Seitigen Text:

Vor allem aus der post-NSU-Perspektive sollte ein solches Urteil nochmals überdacht werden. Ermittlungsbehörden und Gesellschaft haben es versäumt, rechtzeitig genauer hinzusehen. Zudem sind auch polizeiliche Ermittlungen und Verfassungsschutzpraxen häufig von rassistischen Denkmustern geprägt. Die bisherigen Recherchen aus anderen Bundesländern zeigen, dass der NSU und seiner Unterstützer_innen vor dem Untertauchen des Trios miteinander bekannt waren. Es scheint daher wenig vorstellbar, dass mögliche Verbindungen des NSU nach Mecklenburg-Vorpommern ausschließlich während seines Bestehens im Untergrund geknüpft wurden. Ansatzpunkte für Verknüpfungen nach MV vor Beginn der Mordserie sind bereits in den 1990er Jahren nachzuweisen. Trotz dessen hielt es das Innenministerium nicht für notwendig, die Neonaziszene in dieser Zeit genauer zu beleuchten und ihre Erkenntnisse der Öffentlichkeit mitzuteilen. Spekulativ bleibt, ob dies aus Unwissenheit oder Absicht geschah. Fakt ist, dass eine solch skandalös Praxis nichts zu einer umfassenden Aufklärung der Verbrechen des NSU in diesem Bundesland beiträgt.

Angesichts der momentanen Unklarheit sowohl in Bezug auf die bekannten Fakten in der Causa NSU in Mecklenburg-Vorpommern als auch in Bezug auf die weitere Perspektive der immer noch notwendigen Aufarbeitung in Zivilgesellschaft und Institutionen folgert die ARR:

Da nicht mehr vom Ministerium und dem Verfassungsschutz MV zu erwarten ist, sind eigene Recherchen notwendig. Aufgrund dessen veröffentlicht die Antifaschistische Recherche Rostock (ARR) nun ein Dossier zur Neonaziszene in MV in dem Zeitraum 1994 bis Anfang der 2000er. Dabei liegt der Fokus auf einem verbindenden Element der bundesweiten NSU-Unterstützerstrukturen: Blood & Honour (B&H) MV. Der Beginn in den 1990er Jahren und die relevanten Akteur_innen für B&H MV stehen dabei zu Beginn der Darstellung. Die Rostockerin Anke Z. sowie die Bandmitglieder der immer noch aktiven Neonaziband Nordmacht finden dabei immer wieder Erwähnung. Ihre internationalen und überregionalen Verbindungen und ihre Infrastruktur sind weiterhin Teil der Betrachtung. Musik, Konzerte und eine Vielzahl von Rechtsrockbands spielen auch im hiesigen Bundesland eine konstituierende Rolle für B&H. Ebenso ist die Militanz seit den 1990ern für die regionale Szene von Bedeutung, was Waffenfunde und Wehrsportübungen belegen. Das Dossier schließt mit der Erkenntnis, dass das Verbot von B&H kein Ende der Strukturen und dem Handeln der einzelnen Neonazi-Aktivist_innen bedeutete.

(Artikel übernommen von „Kombinat Fortschritt“)

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