Jimmy Johns Workers Union im Interview

Am Freitag, den 15. Juni fand in Rostock im Cafe Median ein Vortrag von zwei Wobblies aus den USA statt, die über ihre Erfahrungen gewerkschaftlicher Organisierung in der Jimmy Johns Workers Union (JJWU) in den Twin Cities Minneapolis/St.Paul erzählten. Kurz darauf führte Kombinat Fortschritt ein Interview mit den beiden durch, das wir hier nun auch veröffentlichen. Im Interview geht es unter anderem um die Gewerkschaft JJWU und die Bedingungen der basisgewerkschaftlichen Aufbauarbeit im Dienstleistungssektor im Allgemeinen. Aber auch aktuelle politische Geschehnisse in den USA, die Occupy-Bewegung und der Wahlkampf ums Präsidentenamt kommen nicht zur kurz.

Das Interview findet ihr auch bei KomFort, aber aufgeteilt in einen ersten Teil und einen zweiten Teil.
Viel Spaß beim Lesen!

Vorabbemerkung

Vielleicht stellt sich ja die Frage, warum hier in Deutschland eine kleine Gewerkschaft von Interesse sein sollte, die gerade einmal in einer handvoll Filialen einer Fast Food-Kette in Minneapolis aktiv ist? Die Antwort ist recht einfach: Die besonders schweren Bedingungen für die Gewerkschaftsarbeit in den USA ist unter Umständen nur ein Ausblick in eine Zukunft, die auch hier in der Bundesrepublik drohen könnte. Denn auch in Deutschland wächst der Anteil der Beschäftigungsverhältnisse die typisch sind für den Dienstleistungssektor. Diese Jobs zeichnen sich zum Beispiel dadurch aus, dass die Arbeit nicht nach einem Tarifvertrag bezahlt wird. Die Anzahl solcher Beschäftigungsverhältnisse nimmt auch in Deutschland zu. Daher ist es sehr sinnvoll sich damit zu beschäftigen, wie man unter diesen sich verändernden Bedingungen für die Interessen von Arbeiter_innen kämpfen kann. Denn in Deutschland wird der Umbau der Beschäftigungsverhältnisse ja gerade als notwendige Anpassung gepriesen, die den Standort vor einem Durchschlagen der Krise bislang bewahrt hätte. Für Gewerkschafter_innen und radikale Linke sind aber zu allererst die Menschen, die die Suppe auslöffeln müssen von Interesse, und nicht die standortnationalistischen Vertröstungen, die sie schmackhaft machen sollen.

KomFort: Also vielleicht fangen wir mal so an: Was ist eigentlich Jimmy Johns Workers Union?

M: Ja, also im Jahre 2005 entschloss sich eine Gruppe von IWW-Mitgliedern bei Jimmy Johns eine Organisierung zu starten. Jimmy Johns ist eine Sandwich-Kette in den USA. Gegenwärtig gibt es so ungefähr 1500 Filialen. Ja, also in Minneapolis wo wir herkommen, da hatten zwei Mitglieder der Twin Cities – IWW die Idee mit dem Organizing in dieser Kette anzufangen. In Minneapolis ist das ein Franchise mit so 10 Filialen. Da haben sie sich dann ‘nen Job besorgt, was erstmal ziemlich einfach war und haben dann eine Organisierung im IWW – Style gestartet. Sie haben damit angefangen mit ihren Kolleginnen über den Aufbau einer Gewerkschaft zu reden und begonnen eine Kerngruppe zu bilden. Nach vielen, sehr harten Jahren des Organisierens sind wir dann im Jahr 2010 mit der Gewerkschaft an die Öffentlichkeit gegangen. Dann sind wir mit einer Liste von Forderungen zu unseren Bossen gegangen und, naja, seit dem kämpfen wir offen gegen den Chef.

E: Seit diesem Zeitpunkt haben auch eine ganze Menge von Jimmy Johns Arbeiter_innen überall in den Staaten und auch generell in der Fast Food-Branche von der Kampagne gehört. Naja und das heißt, dass es jetzt ein sehr großes Potential zum Wachsen für die Gewerkschaft gibt.

KomFort: Verglichen mit den Bedingungen unter denen Gewerkschaften in Deutschland noch arbeiten können gibt es ja einen sehr deutlichen Unterschied zu den Staaten. Könnt ihr uns etwas über die Schwierigkeiten erzählen, die ihr dabei hattet im Dienstleistungssektor eine Gewerkschaft aus dem Nichts aufzubauen?

E: Hm, naja. Also ich würde sagen das waren die Schwierigkeiten die alle Gewerkschaften im Dienstleistungssektor haben. Das größte Problem ist was wir die Umschlagsrate nennen, also die Zeit in der Leute angeworben werden und wieder aufhören oder gefeuert werden. Das ist die Zeit in der die Arbeiter_innenschaft komplett ausgewechselt wird, weil immer neue Leute in einem Laden arbeiten. Eine andere Hauptschwierigkeit ist dabei, dass die Kolleg_innen auf viele verschiedene kleine Filialen auf einer großen Fläche verteilt sind. Deshalb gibt es sehr wenig Kontakt zwischen den Arbeiter_innen in den verschiedenen Cafes. Wenn du ein Franchise mit 10 Filialen organisieren willst reden wir so von zehn getrennten Gruppen von jeweils 20 Leuten. Das macht es echt schwer die Arbeiter_innen zu erreichen, Beziehungen aufzubauen und eine Kerngruppe von Gewerkschaftsmitgliedern zu bilden. Weil ständig Leute aufhören ist es schon schwer überhaupt einen Kontakt zu allen herzustellen. Deshalb hat es bei uns auch so lange gedauert die ganze Kette in der Stadt zu organisieren.

M: Ich würde noch hinzufügen, dass es in den USA in der Fast Food-Branche praktisch so gut wie keine Gewerkschaften gibt. Wir haben also wirklich aus dem Nichts angefangen, nicht nur mit unserer eigenen Kampagne, sondern auch in der ganzen Fast Food-Branche. Gewerkschaften sind wirklich nicht gerade das an was die Leute denken die in diesem Sektor arbeiten, auch wenn sie die am meisten ausgebeuteten Leute in der amerikanischen Arbeiter_innenschaft sind.

KomFort: Auf der anderen Seite war ja aber genau das das spannende, dass ihr mit ganz wenig Leuten angefangen habt und dann am Ende Erfolge gegen große Konzerne wie Starbucks durchgekämpft habt.

E: [nickt zustimmend]

KomFort: Könnt ihr darüber nochmal was erzählen?

M: Also in der IWW haben wir so ein Modell, wir nennen es solidarischen Unionismus. Das ist unsere Basis, das ist die Art wie wir in Theorie und Praxis unsere Organisierung umsetzen. Wir starten mit einigen wenigen Arbeiter_innen und bauen eine starke Solidarität, eine starke Gewerkschaft auf und dann nehmen wir es eben auch mit den großen Konzernen auf. Nach diesem Prinzip haben wir auch die Jimmy Johns Gewerkschaft und die Starbucks Gewerkschaft aufgebaut. Es ist eigentlich ein sehr simples Prinzip. Es geht einerseits darum die Macht, die Initiative zurück in unsere Hände zu legen, das heißt durch Organisierung an unseren Arbeitsplätzen mehr Mitstreiter_innen für uns zu gewinnen und zwar durch Direkte Aktionen. Wir bilden unsere Kolleg_innen weiter, versuchen sie zu mehr Aktionen zu ermuntern um dadurch mehr Forderungen durchzukämpfen, dadurch mehr Leute zu werden und naja, immer so weiter…

E: Yeah … Absolutely.

KomFort: Es ist also ein ganz bestimmtes Verständnis von Gewerkschaftsarbeit die es erlaubt sich auch mit großen Konzernen anzulegen?

M: Genau, wir brauchen keine bezahlten Funktionäre und keine Bürokratie. Die große Stärke dieses Modells kommt daher, dass es für jede Arbeiter_in an allen möglichen Jobs funktioniert. Es geht nur darum mit den Kollegen zu reden, sie auf unsere Seite zu holen. Und je mehr Menschen sich verbünden, desto mehr können wir erreichen. Naja mit genug Leuten, also mit ordentlicher Organisierungsarbeit kann man im Prinzip jedes Ziel erkämpfen.

E: [Nickt zustimmend] Ja und alles ohne viel Geld.

M: [Zustimmung]

KomFort: Du erwähntest die Direkten Aktionen. Welche Mittel haben denn so kleine Gewerkschaften um ihre Ziele zu erkämpfen?

E: Also wie Micah schon sagte, hat jede Gruppe von Arbeiter_innen eine bestimmtes Maß von Macht gegenüber ihrem Chef, wenn sie sich zusammenschließen. Und naja, je mehr von uns sich zusammentun, desto mehr Macht haben wir. Unsere Kampagnen zielen deshalb darauf ab die Leute dazu zu ermuntern sich zu treffen, sich zusammen zu tun und die Dinge zu diskutieren, die am Arbeitsplatz scheiße laufen und so zusammen auch einen Weg zu finden wie man diese Probleme angehen kann. Mal so als Beispiel…Ähm…Ich gebe dir zwei Beispiele, okay? Gut! Bei Starbucks in Chicago war zum Beispiel ein Problem, dass die Arbeiter_innen auch die Lampen auswechseln mussten, wenn eine Birne durchgebrannt war. Die mussten nicht nur verkaufen, sondern auch putzen und alles mögliche – und eben auch die alten Glühbirnen wechseln. Nun gab es aber in den Filialen, weil da so knapp kalkuliert wurde, keine Ausrüstung, also auch keine Leiter dafür. Das heißt die Leute sind dann auf die Tische gestiegen und manchmal mussten sie noch Stühle auf die Tische stellen, um an die Glühbirne dran zu kommen. Das ist natürlich arschgefährlich, wenn du da runterfliegst. Das ist definitiv nicht die Sieben Dollar Fünzig die Stunde wert, oder was immer die genau da im Einzelnen bekommen haben. Nachdem das Management dutzende Male darauf angesprochen wurde und immer nur rumgeeiert hat, haben sich die Leute dann selbst beholfen. Sie haben ihre eigene Leiter mitgebracht. Das war im Grunde nur eine kleine Trittleiter. Aber da drauf klebte ein dicker fetter IWW Aufkleber. Jetzt hatte das Management die Wahl: Entweder sie lassen die Leiter im Laden, dann hätte die IWW ein kleines Denkmal mitten im Laden errichtet. Oder sie konnten die Leiter einfach rausschmeißen. Dann würden sie aber auch diejenigen Arbeiterinnen befremden und vor den Kopf stoßen, die sich bislang überhaupt nicht für die Gewerkschaft interessiert haben, wenn sie ihnen so rabiat zeigen, dass ihnen das Wohlergehen ihrer Arbeiter_innen scheißegal ist. Die dritte Variante war: sie kaufen eine eigene, ordentliche Leiter. In dem Fall hätten die Leute im Laden mit ihrer Aktion Erfolg gehabt, weil ihre ursprüngliche Forderung endlich erfüllt wäre. Und genauso kam es auch. [Lachen] Die Arbeiter_innen aus Chicago haben ihre IWW Leiter dann ins Büro der Ortsgruppe verfrachtet und da hängt sie heute noch. Eine Trophäe ihres Kampfes. [Lachen] Das gleiche lief auch bei Jimmy Johns. Direkte Aktionen in genau diesem Sinne sind das Lebenselexier unserer Gewerkschaftsarbeit, würde ich sagen.

M: Also ich würde sagen eine unserer Lieblingsaktionen bei Jimmy Johns …[fettes Grinsen, beide] Also, eine unsere…warte ich erklärs anders. Es gibt zwei Arten von Arbeiter_innen bei Jimmy Johns. Einerseits, die Leute im Laden. Die machen die Sandwiches, putzen, nehmen Bestellungen an und sowas. Dann gibt’s aber noch die Leute, die die Ware ausliefern. Die Fahrer_innen machen viel extra durch die Trinkgelder. Das ist überall so in der Fast Food-Industrie in den Staaten. Beide Jobs werden nach Mindestlohn bezahlt. Das sind so 7.25 die Stunde, sieben Dollar und fünfundzwanzig Cents. Aber im Durchschnitt bekommen die Fahrer dasselbe durch die Trinkgelder nochmal oben drauf, das macht dann so 15 Dollar die Stunde – mit Trinkgeldern. Aber die Leute im Laden bekommen keine Trinkgelder. Das war also ein Riesenthema bei uns und wir haben nach einem Weg gesucht das mit ‘ner direkten Aktion anzugehen. Also, einmal im Jahr, da gibt’s so einen Aktionstag bei Jimmy Johns, da sind die Sandwiches sehr sehr billig, weil sie nur ‘nen Dollar kosten. Das is dann ‘ne Riesenattraktion. Da kommen dann tausende Leute und die Schlange reicht einmal um den Block herum. Das ist der Wahnsinn an so einem Tag zu arbeiten, weil es krass hektisch ist. Da hat niemand mehr Spaß, aber es gibt dennoch nur den Mindestlohn von 7,25 die Stunde. [E. lacht] Naja, und was haben wir gemacht? Wir haben in der Nacht vor – es nennt sich umgangsprachlich „Dollarsub-Tag“ – da haben wir tausende Trinkgeldbecher gebastelt. [E. lacht im Hintergrund] Am Tag selbst hatten wir dann Hilfe von Unterstützer_innen aus der Gewerkschaft und wir haben an die ganze Riesenschlange tausende von diesen Trinkgeldbechern verteilt. Jeder Kunde der an die Theke kam, hat einen Becher dort abgestellt. Das Management hat angefangen die einzusammeln, aber dann kamen die nächsten und brachten wieder neue Becher. Die meisten hatten auch was reingetan. Das Management konnte die Becher nicht so schnell entfernen wie wieder neue da waren und am Ende des Tages hatten wir hunderte Dollar an Trinkgeldern für die Kolleg_innen im Laden, die an diesem Tag gearbeitet haben und alle haben gesehen was für eine Macht wir haben, wenn wir mit direkten Aktionen zusammen kämpfen. Wenn die Bosse uns keinen Becher zugestehen um Trinkgelder anzunehmen bringen wir unsere Eigenen. Und alle sind glücklich [Lachen alle] …außer den Chefs. [Lachen]

KomFort: Wir hätten noch ein paar mehr Fragen an euch beide, dabei würde es aber mehr um die Politik in den Staaten im Allgemeinen gehen. [Zustimmendes Nicken, beide] Dieses Jahr sind ja Präsidentschaftswahlen in den USA. Für uns hier wäre es mal interessant eure Perspektive als lokale Gewerkschaftsaktivisten zu hören. Gibt es für euch bei dieser Wahl überhaupt eine akzeptable Alternative? Ist da überhaupt ein signifikanter Unterschied zwischen den beiden Kandidaten?

M: Vielleicht sollte ich voranschicken, dass wir darauf jetzt als Privatmenschen reden, das ist jetzt nicht sowas wie ‘ne IWW-Linie oder so.

KomFort: Yeah, okay!

M: [zu E. Fragend] Willst du?

E: Ähm, ja. Also…Ich denke wir haben die Wahl zwischen die Dinge sehr schnell sehr schlimm zu machen und die Dinge nicht ganz sooo schnell schlimm werden zu lassen. [Lachen, alle]

E: [grinsend] Irgendwie sowas. [Zu M. Fragend] Ich weiß nich. Was denkst du?

M: Ja, also…Der Unterschied zwischen den beiden Parteien im Allgemeinen und den beiden Präsidentschaftskandidaten im Speziellen is wirklich sehr gering. Es gibt natürlich Unterschiede. Da sind so Sachen, die sind auch schon ziemlich wichtig. Zum Beispiel Frauenrechte und Krieg – obwohl bei dem Thema sind sie wieder sehr gleich, aber…Ich weiß nich…

KomFort: Abtreibung?

M: Ja genau. Abtreibung war zum Beispiel ein wirklich wichtiges Thema und die Rechte von Homosexuellen. Da waren also schon so ein paar, vor allem soziale Themen, wo es Unterschiede gibt. Aber beide Parteien werden komplett von den Kapitalisten finanziert. Und in diesem Sinne gibt’s da natürlich kaum Unterschiede. Tja, wir beschäftigen uns ehrlich gesagt auch gar nicht soviel mit den Wahlen und den politischen Auseinandersetzungen darum.

KomFort: Wir hatten den Eindruck, bzw. wir haben das gelesen, dass es eine Menge Enttäuschung über Obama gibt, weil er so sehr mit ‘Change’ geworben hat, aber es gab halt keinen großen Wandel. Is das ein Grund warum eine Bewegung wie Occupy Wall Street sich so schnell und so weit ausdehnen konnte? [Zustimmendes Nicken, beide]

M: Na klar, du kannst nicht ‘ne Kampagne machen und immer von Hoffnung und Veränderung reden, und dann passiert nix. [Lachen beide] …Dann fangen die Leute halt selbst an mit dem Verändern.

E: Ganz genau!

KomFort: Gestern in der Abendveranstaltung habt ihr gesagt, dass das Gute an Occupy ist, dass es jetzt eine linke Kritik oder zumindest eine Position links von Obama gibt. Könnt ihr das nochmal ausführen?

E: Ja, klar. Also nach dem ganzen Horror der Bush-Jahre, da wollten die meisten Leute auf der Linken – und ich meine „links“ hier in ‘nem sehr sehr weiten Sinne, so wie links von Ronald Reagan [Lachen alle]. Also die meisten Leute waren über ein bisschen Veränderung froh. Sie wurden hingerissen von der Obama-Rhetorik. Aber als er dann im Amt war da…Also der wurde von so einer breiten Masse gewählt, wie ich schon sagte, alle links von Reagan – da gab es dann auch ein sehr großes Zögern Obama zu kritisieren, auch weil er von der Rechten so stark angefeindet wurde. Und aus diesem Grund driftete er für eine ziemlich lange Zeit immer weiter. Ich mein, schau dir mal Obamas Wählerliste unter den Kongress-Abgeordneten an. Eigentlich war der in diesem Sinne immer schon ein rechter Konzern-Politiker.

M: Und auch wenn er während seiner Kampagne alle diese Sachen gesagt hat, hat er auch immer gesagt, dass er den Krieg in Afghanistan weiter führen wird.

E: Ja, ‘ne Menge Leute haben halt gezögert ihn unter Druck zu setzen, weil er schon diesen ganzen Stress mit den Rechten hatte. Das ist, wenn man mal drüber nachdenkt, natürlich eine ziemlich beknackte Strategie, weil es dann darauf hinausläuft dass er einfach immer weiter nach rechts abdriftet. Aber dann kochte es ja endlich doch noch mal über. Die Leute sind den Führern der Demokratischen Partei und den großen Gewerkschaftsbossen stiften gegangen und haben mit Occupy die Straße erobert. Und das bedeutete, dass die Demokraten und die großen Gewerkschaften und sehr viele Politgruppen schauen mussten wie sie sich darauf einstellen. Und so sind sie dann im großen Stil mitgelaufen. Aber, ich mein, das ist ziemlich bemerkenswert. Das ist die erste Bewegung die …Also die Kritik an Obama wird immernoch ziemlich kleingehalten. Weißt du, die Leute reden auf der Straße nicht kritisch über Obama. Die kritisieren die Banken. Dabei ist die Komplizenschaft, naja nicht die Komplizenschaft, sondern die tiefen Verbindungen von Obama zur Wall Street – die kann man sehen, wenn man will. Ich mein, die sind ziemlich offensichtlich.

M: Also wenn du vielleicht nur ein kleines bisschen danach sehen willst [Lachen, beide] dann springt dich das eigentlich an. [Lachen]

E: Also selbst wenn du nur versuchst [lachen] in die ungefähre Richtung zu blicken wirst du es sehen. Aber immernoch geht es nicht gegen Obama, weil die Leute sich halt denken „ Hm, wir leben halt in einem Zwei-Parteien System, und wenn Obama nicht Präsident ist, dann heißt dass Romney wird es.“

M: Genau!

E: Genau.

M: Es ist schon wie du es gesagt hast, aber vor Occupy haben die Leute auch so Sachen gesagt wie „Natürlich bin ich links, ich hab Obama gewählt.“ Und das war’s dann. Du hast für die Demokraten gewählt und warst links. Jetzt ist es endlich…also Occupy hat das etwas verändert. Die Leute beginne in Scharen sich mit etwas zu identifizieren, dass etwas mehr links von der neoliberalen Politik der Demokraten und der Republikaner steht.

E: [Zustimmendes Nicken]

M: Auch wenn sie nicht sehr sicher sind, was für eine Politik das wohl wäre. [Lachen beide]

KomFort: Also für uns waren das fantastische Neuigkeiten so etwas wie Occupy in einer Gesellschaft wie der amerikanischen entstehen zu sehen.

E: Wir waren auch überrascht. [Lachen alle]

M: Das war auf jeden Fall eine sehr gute Sache!

KomFort: Vielleicht noch eine weitere Frage über Occupy. Wir versuchen soviele Infos wie möglich zu bekommen aus Medienberichten oder den Veröffentlichungen der Aktivist_innen. Seit einer ganzen Weile gibt es immer mehr Artikel die vom Sterben der Occupy-Bewegung sprechen. Würdet ihr sagen, dass da von den Umwälzungen seit dem letzten Herbst dennoch etwas Bleibendes weiterbesteht?

M: Ja, klar. Also das hängt nämlich auch davon ab wie du „die“ Occupy-Bewegung überhaupt definierst. Die ursprüngliche Taktik, öffentliche Plätze zu besetzen, die Taktik ist ziemlich am Ende. Die wurden alle …ähm

E: [original in deutsch] Geräumt.

M: Ja, geräumt. Meist wurden die auch auf sehr brutale Weise geräumt. Alle weiteren Versuche etwas wieder-zu-besetzen wurden dann immer sofort von der Polizei unterbunden. Aber es gibt unglaublich viel was aus dieser Bewegung hervorgegangen ist, neue Gruppen und Bewegungen die auch seit dem Frühling weiterbestehen und Aktionen machen. Die kommen direkt aus der Occupy-Bewegung und ohne sie würde es all das nicht geben. Eine sehr aufregende Sache in Minneapolis, wo wir herkommen, ist zum Beispiel occupy the homes. Die gibt’s überall in den Staaten, aber bei uns sind die derzeit sehr aktiv und machen wahnsinnige Fortschritte dabei geräumte und Häuser zu besetzen, die von den Banken zwangsversteigert werden sollen, weil die Besitzer_innen ihre Kredite nicht mehr zahlen konnten. In vielen Fällen haben sie erfolgreich die Häuser zurückerkämpft. Das sind sehr militante Kämpfe um die Leute wieder in ihre Häuser zurückzubringen und die kommen direkt aus der Occupy-Bewegung.

E: Die einzige Sache die ich da noch ergänzen würde ist, dass die Occupy-Bewegung für diese Generation jetzt das ist, was der Irak-Krieg für die vorherige war. – Also ich meine das nicht im soziologischen Sinne von Altersgruppen, sondern von Bewegungen. Occupy hat tausende Menschen in die amerikanische Linke gebracht, Leute die nie zuvor irgendwas mit Politik zu tun hatten. Wie bei der Antikriegsbewegung 2003 und der globalisierungskritischen Bewegung, die in den Staaten 1999 nach Seattle dann so richtig abging. Es ist das erste Mal seit der globalisierungskritischen Bewegung, dass Leute durch ökonomische Fragen politisiert werden. Und wenn man den Fokus noch weiter aufmacht, dann ist das das erste Mal seit einer sehr viel weiteren Zeit, nämlich den 1930ern vielleicht, dass sie durch ihre eigenen Erfahrungen, ihre eigene Betroffenheit von ökonomischen Problemen politisiert werden. Das ist natürlich nicht der ausschließliche Grund bei Occupy mitzumachen. Ich meine, die Leute haben aus verdammt vielen unterschiedlichen Gründen da mitgemacht, aber das war schon eine sehr wesentliche Sache für die meisten. Die Gründe warum sie sich mit Occupy identifizieren sind manchmal echt schräg, aber der Hauptgrund ist schon, dass viele die Ausbeutung am eigenen Leib zu spüren bekommen haben.

KomFort: Was sind vor dem Hintergrund dieser dramatischen Veränderungen in der Gesellschaft und im Aktivismus eure, naja sagen wir eure besten Wünsche und eure größten Ängste? …Sehr offene Frage, oder? [Lachen]

E: Ja, aber ich versuchs mal. Also in der IWW kämpfen wir nun seit etwas mehr als 100 Jahren für die selbe Sache. [Lachen] Wir haben uns da ziemlich festgelegt und werden diese Ziele so bald nicht ändern. Unsere Wünsche sind, dass die Arbeiter_innen ihre Arbeit selbst organisieren können, wir wollen dass die Ökonomie demokratisiert wird. Selbstbestimmte Arbeit, Produktion für die Bedürfnisse der anderen Menschen und nicht die Profite weniger – das sind immer noch unsere Ziele. Was ist in dem Sinne der größte Wunsch? [grinst] Generalstreik! Selbstbestimmtes Arbeiten und Leben für alle.

M: …und das ab nächstem Jahr! [alle Lachen] Und wenn nicht, dann wünsche ich mir doch, dass die Gewerkschaft stärker wird, dass mehr und mehr Menschen involviert werden und dass sie klassenbewusst [deutsch im original] werden. [Lachen] Und die schlimmsten Befürchtungen? Vielleicht dass die USA sich in Richtung eines offenen Faschismus entwickeln könnten.

KomFort: Ok. Vielen Dank für dieses Interview!

– aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Kombinat Fortschritt

 

Vielen Dank an Kombinat Fortschritt für dieses Interview!

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