Die AFL-CIO, der DGB und die Basisgewerkschaften?

„Vom Aussterben bedroht“ titelt der Spiegel und meint die US-Gewerkschaften und bezieht sich damit auf einige Artikel der New York Times. Grund hierfür sei die verlorene Gouverneursabwahl in Wisconsin am 08.06.2012. Der Republikaner Walker setzte sich trotz seines massiven Sparpakets und seiner Antigewerkschaftsgesetzgebung für den öffentlichen Dienst gegen den demokratischen Herausforderer in einer vorgezogenen Wahl durch und besiegelte damit die gewerkschaftsfeindliche Gesetzgebung von 2011 praktisch erneut. In den Haushalten, in denen Gewerkschaftsmitglieder leben, stimmten 38 % ebenfalls für Walker und damit gegen ihre eigenen Interessen. Ist das der Untergang für die Gewerkschaften in den Vereinigten Staaten? Der Spiegel und die New York Times sowie die Rechte der USA scheinen sich da jedenfalls einig zu sein. Die Konservativen stürmen und blasen seit Jahren zum Angriff gegen die Linke und versuchen, über den parlamentarischen Weg den Handlungsspielraum der Gewerkschaften einzuschränken. Die New York Times und der Spiegel schieben das Absacken nicht nur auf die Angriffe von Rechts, sondern auch auf die Korruptionsskandale der letzten Jahre und den allgemeinen weltweiten Trend. Doch macht diese eine verlorene Wahl den Weg frei für den Todesstoß gegen die Gewerkschaftsbewegung?

Probleme und Angriffe mit der Rechten hatte die Gewerkschaftsbewegung der USA schon immer auszuhalten und oft genug ergab sich die Möglichkeit, auch einmal zurück zu schlagen. Zum Teil befinden sich sogar einige AFL-CIO-Gewerkschaften selbst in einer rassistischen also rechten Tradition. Somit ist es also nicht verwunderlich, dass einige Gewerkschaftsmitglieder die Republikaner wählen. Das gab es schon immer und ist nicht neu. Auch die Korruption ist kein Phänomen der letzten Jahre, sondern zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Gewerkschaften, grade in den Vereinigten Staaten wo es immer wieder Verquickungen zur organisierten Kriminalität (Mafia) gab und auch immer noch gibt. Das hat der Mitgliedsstärke der „Unions“ in seiner langen Historie nie einen Abbruch getan. Auch nicht das „Lobbying“ also das Politiker ganz offen die Hand aufhalten als kleine Meinungsunterstützung ihre Position zur bestimmten Abstimmungen neu zu überdenken, ist in den USA nicht illegal und wird eher noch als demokratischer Prozess und selbstverständlich begriffen. Das die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer_innen weltweit zurückgeht ist leider war. Aber heißt das, dass die Gewerkschaften womöglich bald verschwinden?

Mitnichten! Es handelt sich um ein Problem der großen Gewerkschaften und ihrer Verbände, die auf straffe Hierarchien und Sozialpartnerschaft setzten und sich somit weiter von ihrer Basis weg entwickelt haben. In Europa steigen die Mitgliedszahlen der Gewerkschaften sogar an und das schon seit Jahren. Ausnahmen bilden nur die Staaten in denen es kein Recht auf politischen Streik gibt, wie z.B. Deutschland oder Großbritannien. Festzustellen ist, dass in den Ländern wo die Gewerkschaften viel streiken und kämpfen der Grad an Organisation immer weiter zunimmt. Für die Gewerkschaften in den Vereinigten Staaten kann also viel eher konstatiert werden, dass die AFL-CIO immer schwächer wird, weil sie nicht mehr ihre Mitglieder vertritt. Ein paar Alibiarbeitskämpfe und starke Anführer in schicken Anzügen reichen eben nicht aus. Die IWW hingegen ist in den USA weiter auf dem Vormarsch und kann mit ihrem radikalen Kurs und gelebter Basisdemokratie innerhalb der Gewerkschaft einen stetigen Mitgliederzuwachs verzeichnen.

Für uns in Deutschland ist die Entwicklung deshalb so interessant zu beobachten, weil dem DGB in 10-20 Jahren dasselbe Schicksal bevorstehen könnte. Genau wie die AFL-CIO hat der DGB lange den Zenit seiner Macht überschritten, genau wie in den Vereinigten Staaten werden nur Alibiarbeitskämpfe mit kaum spürbaren Ergebnissen für die Mitglieder geführt, mehr noch EU Richtlinie wie die zum Equal Pay mit Tarifverträgen (wie zuletzt von der IG Metall) zum Nachteil von Leiharbeiter_innen unterlaufen und genau wie in Nordamerika hat Deutschland die hässliche Tradition auf bevorstehende und vorhandene Krisen mit Einschränkungen von sozialen Rechten und Terrorgesetzen den Gewerkschaften, die Existenz so schwer wie möglich zu machen. Besonders da der DGB, ähnlich wie die AFL-CIO, genaugenommen nichts unternehmen, wenn die Rechte ihrer Mitglieder beschnitten werden. Die Zahlen des abfallenden Organisationsgrades des DGB sprechen jetzt schon Bände, waren 1980 noch 33,6 % der Arbeitnehmer_innen im DGB organisiert sind es 20 Jahre später also im Jahre 2000 nur noch 21,3 % der Arbeitnehmer_innen.

Ob das tatsächlich eine negative Entwicklung ist, bleibt abzuwarten. Entsteht doch durch diese Umstrukturierung der Machtverhältnisse unter den Gewerkschaften auch die Chance auf etwas Neues. Basisgewerkschaften jedenfalls erfreuen sich seit Jahren eines Zuwachses ihrer Mitgliedszahlen und können vermehrt auf erfolgreiche Lohn- und Arbeitskämpfe zurückblicken. Ob in Spanien die CGT (Confederación General del Trabajo) und CNT (Confederación Nacional del Trabajo), in Italien die USI (Unione Sindacale Italiana), in Schweden die SAC (Sveriges Arbetares Centralorganisation), in den USA und auch international die IWW (Industrial Workers of the World) und viele weitere Basisgewerkschaften erfreuen sich einer immer breiter werdenden Zustimmung. Es scheint, als müssten sich die großen Gewerkschaftsverbände umstrukturieren, um in Zukunft nicht ernstzunehmende Konkurenz zu bekommen oder von Spaltungen und Massenaustritten bedroht zu sein.

In Deutschland hat der DGB mit der FAU sowie der IWW gleich zwei Basisgewerkschaften mit steigenden Mitgliedszahlen als noch leise Alternative bekommen. Sie wachsen langsam aber konstant. Beide Gewerkschaften sind klar antikapitalistisch und nach einem selbstverwalteten und an ihrer Basis orientierten Organisationsstruktur ausgerichtet. Beide treten vermehrt in der Öffentlichkeit mit ganz unterschiedlichen Mitteln und Methoden in Erscheinung und beide sind um einiges kämpferischer als der DGB. Ob es diesen beiden Gewerkschaften in Zukunft gelingen wird, die DGB-Gewerkschaften an bestimmten Punkten und Orten vor sich her zu treiben und oder womöglich in wenigen Jahrzehnten eine Stärke zu erreichen, die eine komplett andere Gewerkschaftslandschaft ermöglichen kann oder ob noch weitere Gewerkschaften aus dem Boden geschossen kommen, steht aber noch in den Sternen und hängt im Wesentlichen vom DGB selbst ab.

Klar ist, die FAU und die IWW werden ihren Weg gehen und weiter versuchen, sich in der Arbeitswelt und im politischen Geschehen zu verankern und an Stärke zu gewinnen. Auch in Mecklenburg-Vorpommern sind beide Gewerkschaften vertreten. Nicht nur mit Einzelmitgliedern, sondern auch mit Gruppen. So gründete sich bereits vor einigen Jahren ein FAU Syndikat in Nordwest Mecklenburg, im Dezember letzten Jahren eine GMB (Ortsgruppe) der IWW in Rostock und zuletzt am 10.06.12 eine Betriebsgruppe der IWW in einem Rostocker Betrieb (aus strategischen Gründen wird das betroffene Unternehmen noch geheimgehalten).

2 comments to Die AFL-CIO, der DGB und die Basisgewerkschaften?

  • Carla

    Habe eine Frage: Wieso machen Terrorgesetze den Gewerkschaften die Existenz schwer? Das verstehe ich gerade irgendwie nicht ….

  • @Carla

    Mit Terrorgesetzen sind repressive Gesetzgebungen gemeint die z.B. den Handlungsspielraum von Gewerkschaften einschränken oder das Versammlungsrecht.
    Es ging nicht um Antiterrorgesetze im allgemeinen. Falls du das so verstanden hattest.

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