Solidarischer Unionismus im 21. Jh.

[Wir dokumentieren einen Artikel, der in leicht veränderter Form im Express Nr.5 / 2012 erschienen ist; die darin enthaltenen Meinungen müssen nicht zwangsläufig mit den Positionen der IWW übereinstimmen. Die IWW Rostock GMB hat diesen Text von wobblies.de übernommen.]

Am Freitag, den 15. Juni findet in Rostock um 20 Uhr im Cafe Median (Niklotstraße 5/6) ein Vortrag von zwei Wobblies aus den USA statt, die über ihre Erfahrungen gewerkschaftlicher Organisierung (in der JJWU) berichten werden. Schaut doch einfach mal vorbei!

US-Wobblies organisieren (sich) in der gewerkschaftsfernen Systemgastronomie

Die Jimmy John’s Workers Union (JJWU) hatte ihr Coming-out am Labour day 2010. Zwei Jahre beharrlicher und intensiver (Selbst-)Organisierung unterhalb des Radars der Geschäftsleitung fanden damals in Minneapolis/St. Paul, den sog. Twin Cities am oberen Lauf des Mississippi, einen ersten Abschluss.

Die Belegschaften von neun Filialen der Sandwich-Kette >>Jimmy John’s<< gingen an die Öffentlichkeit und erklärten ihre Absicht, offizielle Wahlen zur Anerkennung ihrer neuen, im Untergrund aufgebauten Gewerkschaft abzuhalten: der Jimmy John’ s Workers Union, einer Gliederung der Industrial Workers of the World (IWW).

Man munkelt im mittleren Westen

In den Wochen zuvor war ich mit meinem Kollegen Jonathan Sznejder unterwegs durch den mittleren Westen. Wir besuchten Wobblies in St. Louis, Omaha, Chicago. Sie munkelten etwas. Dan Mohr, der in Omaha an der Organisierung von Starbucks-ArbeiterInnen beteiligt war, hielt uns in der Kneipe einen begeisterten Vortrag über das Organizing-Konzept, nach dem sie dort ausgebildet wurden und vorgingen: A.E.I.O.U. Es würde funktionieren; wir sollten uns in Deutschland unbedingt damit beschäftigen! Wir ahnten bald, dass eine größere Sache bevorstand – groß jedenfalls gemessen an den bescheidenen Ausmaßen und Mitteln der IWW Anfang des 21. Jahrhunderts. Aber sie verrieten uns keine Namen, und wir fragten nicht. Irgend eine Fast-Food-Kette, von denen es in den USA unzählige gibt, soviel war klar.

Never cross a picket line – Übertritt keine Streikposten-Linie

Am 6. September waren in den Twin Cities nicht nur 200 Beschäftigte der Systemgastronomie und UnterstützerInnen auf der Straße; die IWW mobilisierte Support in 32 von 36 Bundesstaaten, in denen Jimmy John’s vertreten war. Es gab in den Twin Cities den ganzen Tag Aktionen, in einem Park in Twin Cities fand eine Feier statt mit Essen, Musik und Unterhaltung. Die Wobblies organisierten mit FreundInnen Picket-Lines vor den Filialen der Sandwich-Kette, die guten Anklang fanden. Die Sandwich-Läden blieben weitgehend leer. Wer meint, dass die USA ein gewerkschaftsfreies Land seien, hat an diesem Punkt zumindest Unrecht. Der Spruch „Never cross a picket line“ wird dort wesentlich ernster genommen als in Deutschland. Die Wobblies organisierten die ganze Woche hindurch Aktionen, lokale Presse und TV-Stationen berichteten intensiv, lokale Sektionen anderer Gewerkschaften unterstützten sie dabei. Die Versuche, die Baustelle einer neuen Jimmy Johns-Filiale zu blockieren, womöglich gar Bauarbeiter zur solidarischen Arbeitsniederlegung zu bewegen, schlugen allerdings fehl.

Die Vokal-Theorie des Organizing

Die US-Wobblies gehen seit etwa zehn Jahren nach einem Organizing-Konzept vor, dass auf deutsch „Vokal-Theorie“ genannt wird: A.E.I.O.U. (Agitate. Educate. Inoculate. Organize. Unionize. – Aufwühlen. Weiterbilden. Impfen. Organisieren. In die Gewerkschaft einbinden.) Wie das genau funktioniert, wird in Workshops vermittelt, die ein bundesweit arbeitendes Komitee regelmäßig in verschiedenen Städten der USA anbietet. Das Ziel ist, aus möglichst vielen, potenziell allen Mitgliedern OrganizerInnen zu machen und möglichst jedem Wobbly Mittel und Techniken an die Hand zu geben, am eigenen Arbeitsplatz erfolgreich zu kämpfen.

In den USA ist das Jobben alltäglicher und notwendiger als zur Zeit noch in Deutschland. Viele fangen schon in der Schulzeit an zu arbeiten – und während des Studiums ist es angesichts der hohen Studiengebühren und der Kredite eine Notwendigkeit. So sind die US-Wobblies in ihrer Mehrzahl junge Leute zwischen 25 und 35. Linke Aktivist_innen in den USA besitzen unserer Einschätzung nach einen höheren Grad von Klassenbewusstsein und eine selbstverständlichere Bereitschaft, ihren Arbeitsplatz als politisches wie ökonomisches Kampffeld ernst zu nehmen, als die linke Szene in Deutschland. Das weitgehende Fehlen sozialstaatlicher Sicherungen und Puffer mag daran ebenso seinen Anteil haben wie das Abrutschen ganzer Regionen und Milieus.

Direkte Aktionen und andere Mittel

Bereits in den vergangenen zwei Jahren hatte die JJWU mit ihrer Mischung aus direkten Aktionen am Arbeitsplatz, öffentlicher Mobilisierung, Image-Schädigung und rechtlich-legalistischen Mitteln einige Erfolge erzielen können. Im Januar 2011 startete sie nun eine Kampagne für das Recht auf Krankmeldung ohne Strafe sowie auf bezahlte Krankentage, nachdem eine Gewerkschaftsbefragung ergeben hatte, dass durchschnittlich zwei Angestellte pro Filiale trotz Krankheit durcharbeiteten. Die Besitzer der Kette, Mike und Rob Mulligan, blockten die Forderungen ihrer Angestellten nach einer Reform ihrer Krankheits-Politik für über zwei Monate ab und provozierten damit Aktivitäten von UnterstützerInnen der Gewerkschaft. Diese machten die Forderungen der Belegschaft öffentlich und verteilten 3.000 Plakate, in denen über die Risiken kranker ArbeiterInnen in der Sandwich-Produktion aufgeklärt wurde.

Mike Mulligan keilte zurück, indem er sechs Gewerkschafts-Organizer feuerte und andere wegen der Poster-Aktion mit disziplinarischen Maßnahmen belegte. Er erklärte in einem Schreiben, dass „das Unternehmen während seiner zehn Geschäftsjahre mehr als sechs Millionen Sandwiches produziert habe, von deren Verzehr nie jemand krank wurde“. Diese Behauptung entpuppte sich als glatte Lüge, wie ein von der Gewerkschaft verbreiteter Bericht der Gesundheitsbehörde zeigt. Demnach habe es in den letzten fünf Jahren zwei Fälle von Lebensmittelvergiftung in der betreffenden Kette gegeben, ausgelöst durch Angestellte, die trotz Krankheit arbeiteten.

Am 24. April 2012 verurteilte die Nationale Behörde für Arbeitsbeziehungen der USA (NLRB) die Gebrüder Mulligan wegen gewerkschaftsfeindlicher Aktivitäten und forderte sie auf, die sechs gefeuerten Gewerkschafts-Organizer wieder einzustellen.

Im Juni 2012 touren nun die IWW-Organizer Erik Foremann und Micah Buckley-Farley durch Deutschland und Österreich, um das Prinzip der solidarischen Gewerkschaftsbewegung (Solidarity Unionism) am Beispiel der JJWU in öffentlichen Veranstaltungen und internen Workshops zu erläutern. Die deutschsprachigen Wobblies erhoffen sich dadurch wichtige Impulse für subversive gewerkschaftliche Organisierung am Arbeitsplatz.

H. Stuhlfauth

Mehr infos: http://organize.wobblies.de

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